Wolf-Christian’s Reisetagebuch

Matisse an der Ostküste

21. August 2008 · Kommentar schreiben

Mittwoch, 20. August 2008

Wir fahren nach Baltimore, der größten Stadt von Maryland, zwischen Philadelphia und Washington DC gelegen. Das Herz der Innenstadt bildet eine wunderbar restaurierte Hafenanlage mit großem Aquarium, ganz vielen Touri-Gaststättenn und einigen historischen Booten. Angrenzend sind Little Italy und ein jüdisches Viertel, die sich jeweils durch eine Kneipenstraße und eine Synagoge auszeichnen. Interessanter wird es um das Washington Monument herum. Dort wechseln französisch anmutende Altbauten mit den amerikanischen Bürohäusern, es gibt ein Rondell und darum Cafés, bei denen man auch draußen sitzen kann. Die Gegend erinnert an Plätze in Brüssel.
Nördlich davon dann der Stadtteil Hampden, um die Hopkins Universität herum. Das Baltimore Museum of Art lebt von erstaunlichen Sammlungen, unter anderem der Schwestern Cone. Sie hatten Anfang des 20. Jahrhunderts ein enges Verhältnis zu Henri Matisse gepflegt: sprich, sie kauften enorm viel von dem, was er malte. Das Museum hat diese Sammlung erhalten und stellt diese Bilder aus – zusammen mit einem Video, das eine virtuelle Tour durch die Wohnung der Schwestern in Baltimore zeigt, wo in jedem Winkel edle Gemälde hingen.
Den berühmten Krabbenkuchen haben wir verpasst und holen das morgen in York nach. Immerhin sind wir nach einem Tipp von Chris noch im Papermoon-Diner gelandet, unweit des alternativen Zentrums von Hampden, wo in kunterbunter Umgebung tätowierte Kellner unter der Prämisse das Essen verteilten, dass man „no cry babies“ dabei habe.

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I’ll be back – in Pennsylvanien

21. August 2008 · Kommentar schreiben

Montag, 18. August 2008

Ich bin wieder da. Eine Woche Pennsylvanien. Ich will die Gegend erkunden, in die Beni jetzt einheiraten wird. Ruhiger Flug mit Air France, gutes Essen, alter Flieger. Eineinhalb Stunden bei der Einreise angestanden. Nächstes Mal reise ich besser wieder über Kanada auf dem Landweg ein, das ist unkomplizierter. Auf der Fahrt von Philadelphia nach York fahre ich durch eine hübsche Hügellandschaft, im goldenen Abendlicht sieht alles ganz heimelig aus. Jetlag mit Beni und Jenny bei einem leckeren Mexikaner (El Rodeo) bekämpft.

Dienstag, 19. August 2008

Heute der erset Ausflug nach Gettysburg, auf den Spuren des Bürgerkrieges. Pennsylvania war der südlichste Nordstaat – Maryland, südöstlich gelegen, der nördlichste Südstaat. So kam es in Gettysburg zu einer der entscheidenden Schlachten, bei denen die bislang unterlegenen Nordstaatler endlich die Oberhand gewannen. Grob gesagt kann man sagen: Im Nodern kämpften sie für eine Union und gegen die Sklaverei, im Süden für eine Konföderation reicher Baumwollsklavenstaaten. Lincoln war Präsident. Die Schlachten waren blutig. Vom ersten bis dritten Juli 1863 wurde in Gettysburg gekämpft. Bis zu 20.000 Toten am Abend eines Tages auf den Feldern bei Gettysburg.

Die Yankees liegen auf einem Friedhof begraben, der jetzt National Park ist – die Südstaaten Soldaten liegen in den Südstaaten. Hier auf dem National Cemetary in Gettysburg hielt Lincoln die Gettysburg Adress, eine berühmte Rede für die Einheit der Nation. Etwas weiter ein beeindruckendes Museum. Civil War „buffs“, wie man sie richtig nennt, können hier jeden Zug auf dem Schlachtfeld nachvollziehen, jedes Manöver wird besprochen, aber auch die Hintergründe erhellt.

Die Fahrt geht weiter, durch sanfte, hügelige Landschaft, die an Süddeutschland erinnert. Genau wie viele Firmennamen. Die Vorfahren Pflatzgraffs, Snyders, Stocks und Weis sind aus Deutschland eingewandert, die Ortsnamen erinnern noch daran: Hanover etwa, oder auch East Berlin, dabei liegt ja hier eigentlich alles westlich von Old Europe. Die Häuser sind oft aus Stein, zuweilen ein eigenartiges Fachwerk, horizontale Balken mit Lehm abgewechselt. Oft ungewöhnlich nah an den Straßen, wie in Europa. Der Rasen an den Straßen stets penibel gepflegt und gemäht. Auf den Verandas, hinter weißen Säulen, warten Ohrensessel auf alte Männer. Die Straßen sind verwaist, und vielleicht liegt das nicht nur an den schwülen Temperaturen.

East Berlin, Abbotsford, New Oxford, allesamt mit hübschem Ortskern, doch dann folgen Strips mit Schnellrestaurants und Handwerksbetrieben. Hanover ist so unaufregend wie das deutsche Vorbild, auch hier gibt es einen bekannten Bäcker, Snyder’s Brezeln stellt der her.
Schließlich Fahrt zurück nach York. Eine hübsche Altstadt vermisst um sechs Uhr abends jegliches Leben, nur einige Obdachlose haben sich zum Klönschnack in malerischen Seitengassen niedergelassen.

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Sag zum Abschied leise Servus

25. Juni 2008 · Kommentar schreiben

Schöne Grüße aus Sidney – („na wie, wie kommt er denn nach Australien!? Nicht doch, Sidney, Vancouver Island. ACHSO!!!“) Tjaja, statt Opernhaus steht hier am Hafen ein Fischmarkt. Statt Olympia düsen hier Senioren per Rollator den Beachwalkway entlang. Und statt sexy Surfer streift dort, richtig, das Wölfchen in Strickjacke über den Kai.

Von Sidney aus startet morgen Mittag auch mein Flieger. 25 Minuten über die San Juan Islands nach Vancouver und dann umsteigen in eine Maschine voller Deutscher. Lufthansa nach Frankfurt. Viele Schaben, Schwaben!, mit breiten Vokabeln, sonderbaren Hüten und sehr deutschem Habitus. Ich werde wieder ein Gate weiter auf mein boarding warten, bis es sich wirklich nicht mehr vermeiden lässt; und dann bin ich doch froh, wenn es wieder nachhause geht. Und wenn schließlich, und diesen Moment habe ich jetzt schon vor Augen, im kleinen beschlagenen Fenster die weißen Buchstaben „Berlin-Tegel“ sichtbar werden. Dann bin ich ganz glücklich, wieder daheim zu sein.

Ich komme grade vom Abschiedsessen, mit Sue und James und Sheena – ein grooviges Restaurant im Souterrain mit exzellenten Martinis (wie sie hier zu Cocktails sagen) und wirklich gutem Essen – eine Mischung aus Thai, Indisch und Westcoast. Ich habe jetzt keinen Dollar mehr in der Tasche, und gleichzeitig das Gefühl, mein Geld optimal eingesetzt zu haben auf dieser Tour.

Viele Kanadier, die ich getroffen habe, sind sehr interessiert an Deutschland, viele waren schon zu Besuch, haben sich dort wohl gefühlt, und viele planen, endlich Berlin zu erleben – wovon sie schon so oft gehört haben. Die ersten Anmeldungen zur Übernachtung im Palais Wollé gibt es schon. Es wäre toll, wenn der Austausch weitergeht.

Es war eine wahnsinnig abwechslungsreiche, zu jeder Zeit spannende, mitunter erholsame und sehr lange Reise. Überschrift: sensationell. Mein Computer hat selbst dort funktioniert, wo mein Handy versagte. Und deshalb wart Ihr überall dabei: live und in Farbe.

Bleibt deshalb der Dank an Euch. Ich habe an den Klickzahlen gesehen, dass Ihr mich jeden Tag begleitet habt auf dieser Tour, oft in großer Zahl, und dabei hoffentlich meist Unterhaltsames lesen konntet. Ihr habt die Kandidatenkür in den USA und die Frühlingsblüte in Montreal miterlebt, Ihr habt Regen in der Wüste, Schneesturm in den Rockies, Metropolen und Einsamkeit kennengelernt, Schriftsteller in Neuengland und die California 1. Ihr wisst jetzt, wie man in Nordamerika Kaffee bestellt, wo Samatha in NY speiste (dass sie aus Britisch Kolumbien kommt) und wo in San Francisco schwule Cowboys tanzen. Ihr wart auf Inseln mit dabei, habt das Bärenspray gehalten (obwohl es niemand brauchte) und habt in Mekka Spanisch übersetzt. Und ich bin froh, dass ich das alles mit Euch teilen konnte.

Und also…

…Donnernde Trommelwirbel, kreischende Fanfaren. „Vielen Dank meine Damen und Herren, vielen Dank: für Ihre Treue (Kunstpause), für Ihr Interesse (bedeutender Blick), für Ihre Gelduld (ironisch-entschuldigendes Lächeln).“ Tosendes Gebrüll, wedelnde Bündel kofferfertig zusammengerollter Unterwäsche.

Das wars.
Es war toll.
Wir sehen uns zuhause.

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Was Victoria glücklich macht: Pferdekupfer und Bacon-Vodka

24. Juni 2008 · Kommentar schreiben

Heute war ich mal Tourist. Ich habe mich auf einen Cabrio-Doppeldeckerbus gesetzt und eine Stadtrundfahrt mitgemacht. Einmal, weil ich wissen wollte, was ich noch nicht weiß. Und dann, weil ein Freund von mir der Tourguide war. Jetzt weiß ich genau, wo 1843 das Fort Victoria stand und wie das das grüne Kupferdach auf dem Parlamentsgebäude künstlich express-oxidiert wurde, indem man nämlich Pferdepiss drüberlaufen ließ – und ähnliches Partywissen mehr. Zum Beispiel über den Architekten Francis Rattenbury, der das Parlamentsgebäude bauen durfte. Den Auftrag erschlich er sich mit einer gefälschten Biographie und einem geklauten Design. Das nahm ihm jedoch niemand übel, weil alle sein Gebäude mochten. Übel nahm man ihm dagegen, dass er seine Frau sitzen ließ, um seine Mätresse zu heiraten. Er wurde nach England verjagt. Doch bändelte seine Mätresse mit ihrem Chauffeur an, der aus Eifersucht den falschen Architekten erschoss. So liegen Ruhm und Elend offenbar nah beieinander.
Es ist etwas kalt heute, dennoch spektakuläre Aussicht auf die Olympic Mountains in Washington State, die wie eine Sahnehaube über den Straßen von Victoria tronen. Etwas nördlich der Innenstadt liegen auf einem Hügel die Ortsteile Oak Bay und Uplands, wo riesige Villen im britischen Un-Stil gebaut sind. Die Uplands schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Gated Community. Früher war die Regel: Du darfst hier bauen, solange ein Profi Deinen Garten in Schuss hält und Dein Haus mindestens 12.000 Dollar wert ist. So entstand ein wunderbares Viertel, dessen Gemäuer inzwischen Millionen wert sind. Mit Seeblick selbstverständlich. Ob die Dollar-Regel noch steht, weiß ich leider nicht ☺
Je näher meine Abreise rückt, desto dichter drängen sich Treffen mit alten Freunden. Gestern war Ursula zu Besuch, die mit mir bei Sue Hausgast war. Mit dabei ihre Mutter Edith, in Fürstenwalde bei Berlin den Krieg überlebt und danach nach Kanada ausgewandert.
Vorgestern Geburtstagsfeier bei Steve mit einer sonderbaren Spezialität: Bacon-Wodka, ein übles Gesöff, das angeblich grade wahnsinnig hipp ist. Hergestellt folgendermaßen: Gebackene Baconstreifen eine Woche in Absolut einwirken lassen. Mit dem fettig goldenen Abguss fertigt der schmerzfreie Genießer hernach eine Bloody Mary. Spargel, Ei und Sellerie dazu… und ich bleibe gerne beim Gin&Tonic.
Heute Abend geht’s zu einem der diversen Vietnamesen, hierzulande boshaft als FOBs betitelt (Frech off the boat). Darauf ein empörtes „also-entschuldige-mal!!“ – und bis morgen!

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Brutzelalarm

22. Juni 2008 · Kommentar schreiben

Mary und Peter haben zum BBQ eingeladen und damit offiziell auch hier die Grillsaison eröffnet – mit sensationellen Spießen. Die Ulrichs wurden herzlich vermisst – und sollen im kommenden Jahr vollständig antreten! Wölfchen ist jetzt kugelrund.

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Indianerprost

21. Juni 2008 · 1 Kommentar

Grüße aus dem Weinland Kanada. Ich vergesse immer wieder, dass wir auf der Höhe Süddeutschlands liegen. Deshalb nicht nur milde Temperaturen im Winter, sondern auch Weinanbau! Allein im südlichen Teil Vancouver Islands gibt es rund zwei Dutzend (!) Weingüter, wir waren heute auf den Cherry Point Vineyards nahe Duncan. Von den Cowichan Indianern bewirtschaftet, gedeihen auf einem kleinen flachen Anbaugebiet u.a. rote und weiße Pinot Trauben und eine Kreuzung aus den deutschen Müller-Thurgau und Siegerrebe, nach einem spanischen Philosophen „Ortega“ genannt. Tolles Bouquet, aber der Wein gerät dann ein bisschen dünn. Überraschung dann, als wir einen Antipastiteller verputzen und den Wein dazu trinken: plötzlich passt er – eisgekühlt – ganz wunderbar.
Zum Nachtisch sind wir ins das geschäftige Fischerdorf Cowichan gefahren, wo die Udder Guys leckere Eiskrem anbieten, und Arthur Vickers seine Kunst ausstellt. Er ist der Bruder des neben Bill Reid erfolgreichsten indianischen Künstlers der Gegend Roy Henry Vickers, dessen Bilder etwas kitschig wirken, aber eine populäre Verbindung schaffen zwischen indianischen Mythen und westlicher Grafik. Sein Bruder tut seit längerem dasselbe und hat in einer Bootswerft einen Raum zur Galerie hergerichtet. Nächste Woche bekommt er den Orden von Britisch Columbia überreicht, erzählt er stolz.

Gerade eben waren wir bei James und Sheena zum Essen eingeladen, ich kann mich kaum mehr bewegen. Ich glaube, ich nehme hier in Victoria am Ende noch mehr zu als auf der ganzen Reise. Sie werden mich im Cargo-Raum nach Deutschland fliegen.
Hier Eindrücke von Sue, ihrer Schwester Chris und dem seltsamen Deutschen unterwegs auf der südlichen Vancouver Island.

P.S. Ich werde vorerst nicht mehr über verlorene Füße berichten. Der Fall bleibt ein Rätsel – und der letzte Fund war eine Fälschung. Die Polizei ist beleidigt, die Lokalpresse ergeht sich in wilden Theorien.

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Der sechste Fuß – und drei Tore

20. Juni 2008 · 1 Kommentar

Heute ist der sechste Fuß aufgetaucht. Es ist wieder ein rechter, und auch dieser steckte in einem Turnschuh. Ich finde, man darf darüber lachen. Insgesamt sind es nun fünf rechte und ein linker Fuß, alle in Turnschuhen, und es weiß noch immer niemand, wem sie gehören, oder wo der Rest ihrer Besitzer steckt. Vielleicht haben Touristen die Füße vor der Passkontrolle abgegeben. „Do you bring in any food?“ „Oh, just one.“
Anyway. (britischen Akzent vorstellen)
Das Royal Museum of British Columbia feiert 150 Jahre Provinzgeschichte in einer Sonderausstellung: tolle Idee, die Menschen haben Gegenstände oder Fotos beim Museum abgeben und die Kuratoren haben daraus ein Bild der Vergangenheit gebaut, in dem sich viele der Besucher wieder finden können. Erstaunlich, wie jung alles ist. Es gibt einen sensationellen Artikel über Victoria auf wikipedia, in dem alles das steht, was ich euch jetzt erspare, aber hier zumindest kurz diese Daten: 1843 erst wurde Fort Victoria als Handelsposten der Hudsons Bay Company gegründet. Die Firma wurde mit dem Pelzhandel reich und es gibt immer noch eine große Kaufhauskette namens „The Bay“, die das Imperium aufrecht hält. Also: von Osten kamen die Pelzhändler – von Süden die Goldsucher. 1858 geht ein Ruck durch die Gegend, Vancouver erlebt einen boom, im Museum ist der viertgrößte Nugget zu sehen, der gefunden wurde. 1875 können die Menschen in der sehr britischen Kolonie Bier der Marke Bavarian Beer kaufen, das in Victoria gebraut wird. Übrigens ist erst Vancouver Island Kronkolonie der Engländer, erst später wurde British Columbia um Vancouver eine Kolonie, bevor die Kolonien dann vereinigt werden und als British Columbia 1871 Canada beitreten (klar!?).

Trotzdem gehört Kanada noch zum Commonwealth. Staatsoberhaupt ist Lizzy von England. Und ihr Vertreter als Lieutenant von British Columbia residiert in einem großen Haus über der Stadt. Mit einem wunderbaren Garten, der seit 1911 gepflegt wird, seit einiger Zeit von einem Club freiwilliger Gartenfreunde. Als ich heute da war, standen in jeder Ecke Schubkarren und unkrautjätende Seniorinnen.

Tja und um 11:45 heute früh saß ich pünktlich in einer Sportsbar um unserem Team die Daumen zu drücken. Sensationell: der kanadische Kellner lief mit Deutschalandschal herum (Fußball wird immer beliebter in Nordamerika), sonst waren nur noch eine Handvoll Leute da, aber es hat wohl trotzdem was gebracht. Sensationelle Tore und trotz nervtötender letzter Minuten ein toller Sieg. Prosit auf Blond, Grins und Still (Schweinsteiger, Ballack und Klose).

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Das letzte Radio-Orchester und verlorene Füße

18. Juni 2008 · Kommentar schreiben

Ich war heute sehr faul, habe mal wieder Wäsche gemacht, mich lange mit meiner Gastmutter Sue unterhalten, bin schließlich etwas durch Victoria gewandert und habe schließlich meinen alten Freund Ray wieder getroffen. Schöne Abendbilder vom kleinen alten Hafen im Zentrum findet Ihr unten. Mit dem Hinweis allerdings, dass trotz Postkartenromantik auch in Kanada die Welt nicht immer ganz perfekt ist. So wurde hier kürzlich das letzte Radiosymphonie-Orchester Nordamerikas eingestellt. Es gehörte seit 1938 zur CBC (etwa die kanadische, winzige BBC), bestand aus 35 freien Mitarbeitern (winzig) und war in Vancouver ansässig. Nicht nur, dass das einst anständige zweite CBC Radioprogramm aus einem Klassikprogramm zu einem Klassik-Jazz-EasyListening, also einem kanadischen kommerziellen Softie-Funk á la Klassikradio degradiert wurde. Nun also noch das Orchester weg.
Überhaupt scheint der einzige öffentlich-rechtliche Sender, der das riesige Land seit Jahrzehnten kulturell über tausende Kilometer sprichwörtlich zusammenhält, etwas zu trudeln. Die Meldung, der Sender habe die Erkennungs-Melodie der nationalen Hockey-Show an die private Konkurrrenz verkauft, schaffte es auf die Titel der nationalen Printnachrichtenmagazine, wurde sogar in den USA wahrgenommen (das will was heißen). Es wäre so, als würde „ran“ von SAT 1 wiederbelebt mit der Melodie des ZDF aktuellen Sportstudios. So gibt es Dinge, die gibts gar nicht.

Was ich wiederholt gehört habe: für über 80 Prozent der Kanadier ist das Thema „Umwelt“ die wichtigste politische Aufgabe. Das ist überraschend. Dazu passt die Meldung, dass Autoverkäufe seit den gestiegenen Benzinpreisen zurückgehen, Honda allerdings vermehrt sparsame Kleinwagen absetzt und Toyota eine Hybridversion des Camry anbieten will: heute der (ansonsten schlecht informierten) Lokalpresse entnommen.
Außerdem: allgemeine Verwunderung darüber, wem denn nun der fünfte seit zwei Jahren körperlos an Land gespülte Fuß gehören mag. Die Polizei steht vor einem Rätsel, da alle fünf Füße in Turnschuhen steckten, und scheinbar auf natürliche Art und Weise von ihren Besitzern abhanden kamen. Diese Meldung brachte es bin ins Spiegel Online, wobei der Autor dort vom „beschaulichen Britisch Kolumbien“ sprach, was für die betroffene Gegend um Vancouver in etwa so falsch gedichtet ist wie: im „beschaulichen Küstenstädtchen Hamburg in Norddeutschland…“
Aber damit der Spiegel beschauliche Klicks bekommt, schreibt er ja auch gerne beschauliche Geschichten.
Morgen geht’s um „150 Jahre Britisch Kolumbien“, bis dann gute Nacht!

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Die letzte Route (ist auch die schönste)

17. Juni 2008 · Kommentar schreiben

Heute war es soweit. Die letzte Route. Wieder den Rucksack gepackt. Wieder einen Weg gefunden, die Tshirts noch fester einzurollen, die Socken noch anders zu ordnen, damit doch noch ein Buch mehr reinpasst, das ich schon wieder gekauft habe. Wieder auf zu einem Bus, einem anderen, zurücklaufen, einem dritten. Das ganze heute versüßt durch: 1) Das Tor von Ballack. Besichtigungspläne endeten um 10:45, als mich die deutsche Studentenbedienung im Café darauf aufmerksam machte, dass wir heute möglicherweise gegen Österreich verlieren. Deshalb um 11:45h Ortszeit Daumen gedrückt in einer Sportsbar, bald aus Frust ein Bier bestellt, dann sehr gefreut. 2) Versüßt durch die wunderbare Fährfahrt von Vancouver nach Victoria. Da geht es durch die Strait of Georgia, 1791 das erste Mal von Europäern befahren (von den Spaniern). Ein Jahr später tauchten an selber Stelle die Engländer auf, unter Kapitän Vancouver, und er benannte die Meerenge nach dem englischen Georg dem Dritten. Leider fuhren wir auf der schäbigen alten Queen of Saanich. Und das, obwohl BC Ferries (British Columbia Fähren) in diesem Jahr drei riesige tolle nagelneue in Deutschland gebaute Fähren bekommen (haben). Die sind einmal über den Atlantik, durch den Panamakanal und die Küste hoch, bevor sie hier nun über die Georgia Strait hinweg zwischen Vancouver und Vancouver Island Dienst tun.
Ich bin die Strecke oft gefahren, aber es ist einfach immer wieder toll. Seltsam, wie Vergangenheit und Gegenwart da zusammenspielen, wie Erinnerungen an Schule und Studium sich mischen mit Vorfreude, meine Gastfamilie und die Freunde wieder zu sehen.
Mehr von denen in den nächsten Tagen an dieser Stelle, natürlich mit Fotos. Hier jetzt Bilder von einer der schönsten Fährstrecken, die ich kenne.

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They got me!

16. Juni 2008 · Kommentar schreiben

Ich habe ein neues Lieblingsgetränk. Der (Achtung Lautschrift) „grandi mohhh-ka frapputschinoh tu go, plis, jes, wipping krim!!“. Vom Starbucks. Besser geht nicht bei Sonnenschein.
Nachdem ich gestern von einer fürchterlichen Party ins Bett geflüchtet bin (Berlin ist einfach die Party-Stadt Nr. 1), heute ein SENSATIONELLER Tag: kein Wölkchen am Himmel, schön über 20 Grad, eine frische Brise vom Ozean, so lässt sich das doch aushalten. Die Frage ist nicht, kann man hier leben, sondern: Wann macht das ZDF hier ein Studio auf? Die Antwort: In 607 Tagen. Dann nämlich beginnen die olympischen Winterspiele 2010.
Heute früh als erstes ein Fahrrad geliehen (Beweisfoto s.u.) und damit einmal um den Stanley Park gedüst – so was wie der Tiergarten, nur mit Wasser drumrum. Toller Blick auf die immer wachsenden Condominium-Türme, auf schneebedeckte Berge, auf startende Wasserflugzeuge, die zum Teil einen Linienverkehr in die Provinzhauptstadt Victoria aufrechterhalten.
Dann kurz in die Vancouver Art Gallery: zum ersten Mal gibt’s eine Ausstellung, die die Entwicklung von Comics, Animes, Mangas, Videospielen u.ä. zeigt. Das war echt interessant, und vor allem: voll mit Leuten, trotz Sonnenscheins. Noch schnell die übrigen Ausstellungen durchschweift, dann wieder aufs Rad.
Die Stadtplanung hier hat die Fehler anderer Küstenstädte nicht wiederholt: man kann mit dem Rad und zu Fuß ohne riesige Straßen überqueren zu müssen bequem und entspannt am Wasser entlang fahren, an kleinen (neu angelegten) Parks vorbei, an Restaurants und Strandabschnitten, mit großen Rasenrabatten ergänzt, die alle gepflegt und frei von Scheißhaufen sind. Was für ein Luxus!
Offiziell war heute Autofreier Tag. Na, ein bisschen Autofrei. Genauer: die Denman St. war gesperrt, Straßenfest, beste Laune allenthalben. Wölfchen, weil Hunger, Nudelsalat mit Königsberger Klopsen á la chinesisch verspeist (großer Fehler), dann ab an die Beach Ave, wo Ming-Vasen Beach-Volleyball zeigten und ansonsten die gesamte Stadt zu Fuß oder auf allen erdenklichen Rollen ohne Motor unterwegs war. Ausführliches Sonnenbad. Und an diesem Punkt, gebe ich gerne zu, begann der dekadente Teil dieser Reise. Natürlich: in den letzten Wochen von Ort zu Ort gedüst, alles aufgesogen, alles aufgeschrieben, kennengelernt, was ging – das fiel noch grob unter „Bildungsreise„. Jetzt ist es purer Urlaub. Ich lese ein Buch und lege es auch einfach weg. Einfach schön!

Jetzt noch kurz ein paar Fotos für Euch. Dann geht es wieder raus!

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