Tja, so ist das mit dem Paradies, es hat auch seinen Hinterhof. Zunächst mal ist es auch in San Diego bewölkt. Perfekt also für eine Tour zu Sea World. Es gibt eine Straßenbahn, die mit viel Getöse und Aufmerksamkeit durch die Innenstadt zuckelt – und sie wird von vielen Menschen genutzt. Sobald man allerdings die unmittelbare Innenstadt verlässt, zeigen sich lange Ausfallstraßen mit Billigläden, Wohngegenden, die eher von oben schick aussehen, Industrieanlagen. In San Diego ließen sich die ersten spanischen Missionare Kaliforniens nieder, allerdings schnarchte der Ort lange im Dornröschenschlaf. Er nach Pearl Harbour, als die Marine sich hier konzentrierte, und dann nach dem Krieg entwickelte sie sich zum Marine und Kongress-Stützpunkt. Die Prachtmeile der Innenstadt, die 5th Avenue, an der auch mein Hostel liegt, war lange ein Strip halblegaler Pinten und Saloons, bevor in den vergangenen 30 Jahren eine riesige Neugestaltung einsetzte.
Das Sea World Spektakel
In Sea World selbst dreht sich alles um Shamu. Das Marketing um den Killerwal (ein eigenes Shamu Show-Stadium gehört auch dazu) setzt alle Aufregung um Knut in den Schatten. Ich nehme zwischen übergewichtigen Frauen Platz. Wenn sie so einparken, wie sie ihre Hintern an mir vorbeibewegen, hat die Versicherungsbranche ein Problem. Eine 25minütige Show mit aufwendig produzierten Videos, bombastischer Musik und unglaublich getimten Showacts mit den Tieren zeigt die lange Arbeit der Trainer mit den vier Killerwalen: das ist grandios. Das Publikum wird mit Ansage nass gemacht, ein ausgewählter kleiner Junge darf mal anfassen, es gibt Sprünge und Platscher und Surfen auf dem Wal. Dasselbe in quirliger und mit weniger Bombast dafür mehr Calypso-Feeling noch mal mit den Delfinen. Auch hier erstaunlich, wie sich die Tiere auf die Sekunde in den Musikrhythmus einpassen und die Sprünge genau auf Tusch kommen.
Man tut im Park keinen Schritt, ohne von passender Musik beschallt zu werden, nach jeder Attraktion wird man automatisch in einen Souvenirverkauf geleitet (wer nach 60 Dollar Eintritt noch was überhat, kann dort Pinguine und Shamus kaufen), und die Amerikaner komplettieren das Getöse mit der Lautstärke ihrer Unterhaltung.
Der Krieg vs Die Wirtschaft
Über all dem Spektakel liegt allerdings ein Schatten. Zu Beginn der Shamu-Show spricht eine Trainerin Solidarität mit den Soldaten und ihren Familien aus. Das Gesamte Publikum bekommt ein 30 Sekunden Armee Propaganda Video zu sehen. Danach soll jeder aufstehen, der einen Soldaten kennt, oder einen Angehörigen einer befreundeten Armee.
Es stehen nur wenige auf, der Beifall bleibt verhalten. Was den Menschen eher Sorge macht, erfahre ich immer öfter, ist der stetig steigende Benzinpreis (jetzt 4 Dollar pro Gallone). Die Frage: wie werde ich meine Schulden los, wenn die Wirtschaft gradewegs in die Rezension schlittert. Wie verkaufe ich mein Haus noch ohne Verlust? Der Wahlkampf orientiert sich eher Richtung Wirtschaft.
Und dann treffe ich in meinem Hostel-Zimmer endlich jemanden, der garantiert nicht demokratisch wählt. Ein Ingenieur, der durch die Welt reist, um Anlagen zu bauen, meist nach Russland. Bush sei so schlecht nicht gewesen – er habe den Krieg eben finanzieren müssen, aus dem Irak könne man nicht raus – sonst wir er vom Iran einverleibt, und die Migranten seien ein echtes Problem – es könne nicht wahr sein, dass die mit Kopftüchern offen auf amerikanischen Straßen amerikanisch-westliche Kultur konterkarierten. Und in der Tat: ich sehe auf den Straßen fast keine Kopftücher. Mit Ausnahme der Turbane indischer Taxifahrer in NY.
Zufällig gerate ich Abends in einen Buchladen, der seinen neunten Geburtstag feiert. Ich werde auf ein Glas Prickelwitwe eingeladen. Schade, dass es für Hillary jetzt vorbei ist, höre ich. Die war taff, die hatte Biss, die hätte uns gut durch das Schlamassel manövriert. Und immer wieder die Frage: wofür steht Obama?
Energiewende
Schließlich zeigt sich noch, dass auf längere Sicht der Umgang mit Ressourcen ein wichtiges Thema wird. Die Amerikaner wollen vom Präsidenten Lösungen dafür, dass der Benzinpreis sinkt, sagt ein Mann. Aber sie sind noch nicht bereit, über andere Lösungen wie Elektromotoren nachzudenken. Das Land biete viele Möglichkeiten für alternative Energien, aber kein Politiker habe sich damit ernsthaft auseinander gesetzt.
Wer durch die Dörfer Neuenglands fährt, begreift auch weshalb. Das Land ist so zersiedelt, so weitläufig, dass sinnvoller Nahverkehr nicht funktioniert, dass jede Familie auf ein Auto angewiesen ist. Die Einsicht, dass es kein SUV (und die Dinger hier sind noch um einiges fetter als in Europa!!) sondern ein Kleinwagen sein könnte, reift bestenfalls sehr langsam. Wäre also Al Gore der richtige Präsident gewesen? Der tritt nicht wieder an. Wer in diesem Rennen einmal verloren hat, ist für immer fertig damit. Prost. Auf Hillary.
Damit auch dieser Eintrag locker-flockig endet, ein paar Fotos von fliegenden Fischen!
Nächste Station Joshua Tree National Park – wahrscheinlich am Freitag hier zu sehen.
- Shamu auf allen Apparaten
- Fisch-Stunts
- Who’s Knut?
- Surfen auf dem Miniwal
- Synchron-Springen
- Top-Flug






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