Wolf-Christian’s Reisetagebuch

Getty (on the) rocks

24. Mai 2008 · 3 Kommentare

Der Highway führt über atemberaubende Pässe aus der Wüste. Ich bin fit, denn selbst in Joshua Tree gibt es einen Starbucks mit Drive In und lecker Capuccino: man mag es nicht für möglich halten. Kahle Felszüge wechseln mit kargen Tälern, durch die der Wind schneist und in denen Kakteen und Telefonmasten die einzige Erhebung sind. Wo die Böen am heftigsten sind, stehen Windräder in Reih und Glied. Dann die ersten Siedlungen, das Navi leitet mich zielsicher und fast ohne Stau quer durch die Freeways von L.A. zu meinem ersten Ziel:

Nämlich ein weiterer Höhepunkt meiner Kunst-Tour! Ein Tag im Getty Center.

Weil man sowieso nicht alles schafft habe ich auf die Gemälde größtenteils verzichtet und mir die grandios dekadenten Möbel aus französischen Adelshäusern von 1660-1800 angesehen. Wunderbares Kunsthandwerk, feinste Hölzer und Intarsien! Da war noch einiges für meine Wohnung dabei! *Scherz*
Höhepunkt aber: die Fotoausstellungen. Gleich als erstes begrüßt mich eine Collage von David Hockney, die genau das zeigt, was ich grade aus dem Auto gesehen hatte!

Dann zwei Sonderausstellungen – für zwei deutsche Künstler. Einmal die Industriearchitektonischen Fotoserien von Bernd und Hilla Becher, die den Ruhrpott und Westfalen gefühlt an den Pazifik katapultierten.

Und zum anderen die wunderbaren Portraits von August Sander, der vorhatte, die Gesichter des 20. Jahrhunderts auf fast ethnologische Weise zu erfassen. Unglaublich feine Charakterisierungen von Menschen und Berufsgruppen; und auch wenn die meisten Fotos aus den 20er Jahren sind und sich die Mode geändert hat, viele von den Bankern, Putzfrauen, Portiers oder Anwälten würden heute wieder so aussehen. Das war wirklich beeindruckend!
Hier ein Portrait von drei jungen Bauern, auf dem Weg zum Tea-Dance am Sonntag. Wenige Monate, bevor der erste Weltkrieg ausbricht. Man merkt der Melancholie im Foto förmlich an, dass da irgendwas in der Luft ist.

Eine Ausstellung über California Videokunst bestätigt eher meine Vorurteile gegenüber der Videokunst. Man sieht einfach sehr schnell, wenn das Handwerk nicht stimmt, und das tut es meistens leider nicht. Der Effekt macht nicht mehr alles weg, seit wir uns an MTV schon satt gesehen haben.
Schließlich noch ein Abstecher zu den Monets und van Goghs. Wie Pop-Art wirken die inzwischen, so vertraut, so oft gesehen, und doch natürlich sehr sehr schön. Hier hängen sie völlig unprätentiös an der Wand, Millionenwerte, die Touristen schlurfen in Trainingsjacken daran vorbei, kaum einer macht ein Foto.
Nach den Ausstellungen im Whitney und Guggenheim in New York also ein weiterer Tag für die Kunst: hoch über Los Angeles im Getty Center. In einer grandios gelegenen Anlage, in hellem Stein auf den Fels gemeißelt vom Architekten Richard Meier. Abends kam sogar die Sonne durch, so dass der Blick klar wurde auf eine Stadt die nirgends anfängt und nirgends endet, Los Angeles am Pazifik.

Die Fotos heute übrigens ausnahmsweise aus dem Netz. Hatte keine Lust, die Kamera durchs Museum zu tragen.

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Die Wüste ist nass

24. Mai 2008 · Kommentar schreiben

Nach kurzer Fahrt liegt alles Bewohnbare hinter mir und es wird so trocken, dass ich dauernd zur Wasserflasche auf dem Beifahrersitz greife. Grade noch waldige Täler durchquert und kleine Oasen passiert, die am Rande eines riesigen Salzsees heruntergekommene Siedlungen und Trailerparks umrahmen.
Die Fahrt geht durch den nördlichen Teil der Colorado-Wüste, die sich bis nach Mexiko hinein zieht. Armeehubschrauber machen Trainingsflüge über mir. Ich fahre durch ein kleines Nest namens Mecca, an einer Tankstelle ärgere ich mich, dass ich nie Spanisch gelernt habe.
Die kahlen Berge und schroffen Krater wirken, als sei hier eigentlich alles zu Ende. Das einzige, was auf ein Ziel hin deutet, sind der Truck, der mir irgendwann entgegenkommt, und der frisch auf die Straße gestrichene Mittelstreifen.
Schließlich öffnen sich die Bergketten in ein riesiges kahles Tal. Der südliche Teil des Joshua Tree Nationalparks. Niedrige Kakteen und vom Wind gezauste Sträucher bedecken den Boden. Vor zwei Wochen haben sie noch geblüht, jetzt zeigen sie gelbe Früchte. Im Sommer herrschen hier mehr als 45 Grad. Dann verlieren selbst die hartnäckigsten Sträucher ihre Blätter, bis auf ein paar wenige, dunkle und zähe, die den Pflanzen dann noch reichen. Vereinzelt ragen die Ocotillos störrisch in die Gegend, größere Sträucher mit grade noch roten Blüten. In der Mitte des Parks der Übergang von der kahlen Colorado Wüste zur savanneartigen Mojave-Wüste. Hier die Joshua Trees, die in großen Feldern zwischen riesigen Gneisbrocken stehen, die Wind und Wasser langsam aus der Fläche herausgefräst haben. Am Abend den Sonnenuntergang vom Keys View aus gesehen – der ganze Tag war bewölkt, es hat geregnet, dafür zeigte sich der Himmel schließlich in feinem aprikot und kleidete die unwirtlichen Felsstränge, die sich durch den Park ziehen, in warmes Abendlicht.
Dass die Wüste alles andere als langweilig ist, erkennt man unter anderem daran, dass ich 184 (!) Wüstenfotos gemacht habe. Von denen ich Euch nicht alle zumuten möchte, wenigstens aber diese Postkartenmotive:

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