Zwei Tage lang bin ich unterwegs gewesen, um vom Yellowstone bis zum Glacier Park zu kommen, den Park, auf den ich mich von allen am meisten gefreut habe.
Kurz die Route:
Fahrt von Nord Eingang durch Montana, im Tal entlang einer Bergkette, grün, und oben mit Puder überzuckert, ganz wunderschön. Weiter durch schönes Betrgland bis Missoula, kleines Uni-Städtchen. Dort übernachtet. Dann heute Sonntag, die Straßen sind leer. Von Missoula geht es nach Norden, immer entlang der Mission Mountains, einer wunderschönen Bergkette. Die Gegend ist dünn besiedelt, ärmliche verfallene Dörfer entlang des Highways. Plötzlich tut sich der Blick über den Flathead See auf, was für ein schönes Panorama! Der See übrigens benannt nach „Flachkopf“-Indianern; die es so eigentlich gar nicht gab, aber statt die Stämme bei ihren richtigen Namen zu nennen, mochten es die Siedler lieber einfach und Klischeebeladen. So blieb es bis heute. An Orten fallen mir Bigfork auf, auf der östlichen Seite des Flathead Lake an der schönen Route 35. Ein ganz süßer Fleck. Und Hungry Horse, kurz vor dem Glacier Park, ein Kaff, dass seine Berühmtheit aus dem seltsamen Namen und der Verarbeitung von Huckleberries zieht: an jeder Straßenecke gibts da ein Döschen von zu kaufen.
Weil ich Euch erst morgen mehr über den Park erzählen kann, hier ein paar Eindrücke aus der Rubrik „Das tägliche Leben, und wie ich es beobachte“.
Im Radio hört man außer den obligatorischen Bibel-, Pastor- und Countrysendern gerne eine Art von Rockmusik, die man sich in Deutschland selbst in der niedersächsischen Provinz nicht mehr zu spielen traut. In wirklich JEDEM Song brüllt jemand aus voller Kehle, als hinge sein Leben davon ab, ob er diesen Song über die Bühne bringt oder nicht. MAL kann man das hören, doch alle Songs sind in diesem spät-80er-Softrock-Brüllstil und das geht ziemlich auf die Ohren – und konsequenterweise auf die Nerven. Neue Popmusik, ja Elektronik, hört man seltenst, vielleicht mal im National Public Radio (NPR), das sonst durch seine Reportagen und eine lockere aber analytische politische Berichterstattung glänzt. Neuere Entwicklungen der Popmusik, wie man sie ja auch in Deutschland bestenfalls bei EinsLive, Radio eins, Fritz, motor fm o.ä. hören kann, sind hier im Radio nicht zu finden.
Je öfter ich in Fast-Food-Restaurants/Starbucks/Supermärkten etc unterwegs bin, fällt mir auf, dass das Personal entweder sehr jung ist oder sehr alt. Rentner, oder ältere Hausfrauen, die sich die Kasse aufbessern, Schüler oder Studenten, die dasselbe tun. Ich kann von fast niemandem dieser Menschen sagen, dass ich das Gefühl hätte, dass sie a) ihre Arbeit gerne oder mit etwas Leidenschaft verrichten, b) dass sie über den ihnen zugewiesenen Bereich hinaus irgendetwas wissen, c) dass sie das Gefühl haben, diese Wissenslücken auffüllen zu müssen. Selbst das Personal in den Nationalparks (hier möchte man etwas Leidenschaft für die Sache erwarten), weiß auf grundlegende Fragen (wie wird das Wetter heute…) keine Antworten, verweist auf Kollegen.
Es ist weiter erstaunlich, wie viele Menschen mit bemerkenswert fetten Ärschen zu Mayonnaise oder Sahnehaltigen Produkten greifen. Und was sie für Kleidung aussuchen, die sie noch unförmiger macht.
Außerdem verstehe ich immer noch nicht, warum viele Frauen, die eine Sprachbotschaft über eine Entfernung von eineinhalb Metern zu übertragen suchen, dies in einer Lautstärke tun, als müssten sie die Zahlen ihres Lottoscheins zielsicher vom einen Ende des Grand Canyon zum anderen hinüber schreien. Es ist kaum auszuhalten.
Dagegen gibt es wenige, gut ausgebildete, interessierte Leuchte – solche, die die NY Times liest, die NPR hört, die außer dem Namen der Präsidentschaftskandidaten auch etwas über ihre Ziele zu sagen haben, oder zumindest darüber, dass man über diese Ziele wenig erfährt. Jemand sagte zu mir, dass die Amerikaner die Benzinpreise für zu hoch halten, bringt den Großteil der Bürger nicht zu der Frage, wie man mit dem Problem langfristig umgeht, sondern eher zu der Frage, wer den Preis wieder senkt.
Bei den Preisen fällt auf, dass Lebensmittel in Supermärkten zum Teil unglaublich teuer sind. Ich meine gehört zu haben, dass die Preise im vergangenen Jahr um 7 Prozent gestiegen seien. Fast food dagegen ist erstaunlich günstig. Kein Wunder, dass man viele Rentner bei McDonalds speisen sieht.
Ja, und die Vorwahlen: sind zuende. Obama hat eine unglaubliche Strahlkraft auf viele Amerikaner – Hillary hat mit einem schlechten Team verloren, ihr Mann war auch nicht unbedingt hilfreich. Hier in Montana wählt man eher konservativ – jedenfalls finden sich enorm viele Ron Paul Plakate in der Landschaft, obwohl der schon längst aus dem Rennen ist. Manchmal dauert es eben, bis die Botschaft auch im outback ankommt… ☺
Erstaunlich ist, wie spät hier einige Gegenden erst von Weißen besiedelt wurden, manche Landstriche erst vor 100 Jahren. Selbst die weiße Siedlungsgeschichte von Staaten wie Colorado beginnt erst mit dem Pelzhandel um 1840. Das wiederum ist sehr spannend zu beobachten, vor allem, weil man sich fragt, wie ursprünglich die Natur hier noch ist.
Im Glacier werde ich in den nächsten Tagen jedenfalls sehen, wie weit der Klimawandel die Gletscher schon zerstört hat. Dann auch wieder Fotos!
Und jetzt drückt mir mal die Daumen, dass zur Abwechslung mal die Sonne scheint.
Ich öffne derweil ein Bierchen und bringe ein begeistertes Prosit auf Prinz Poldi!