Montag: den Bären im Kopf
Ich gebe zu, ich bin unentspannt. Ich habe eine riesige Dose Bärenspray schussbereit am Gürtel. Ich klatsche zuweilen in die Hände, singe und führe Selbstgespräche, so haben es die Ranger geraten. Die Bären sind auf Menschenhöhe, denn hier ist der meiste Schnee geschmolzen und sie finden Futter. Ich sehe keinen Bären, aber Lust auf groß Strecken durch dichten Wald habe ich nicht wirklich.
Dienstag: der letzte Tag mit Sicht
Dann ein Tag Kanada: der Glacier Nationalpark hat auch eine kanadische Seite, den Waterton Park. Mitten im Wald ein kleiner Grenzübergang, entspannt, durchfahren, bis später. Auf der Seite von Alberta sieht man besonders gut, wie sich der Boden eines antiken Meeres aus der Prärie hervorgestaucht hat zum Gebirge. Das gesamte Glaciermassiv steht ziemlich plötzlich in der Landschaft. Und dann beginnt das Ende des Wanderns.
Sie nennen es „white snow“. Ich habe die Tür meiner kleinen Hütte mit Küchenpapier abgedichtet, der kleine Heizer funktioniert nur auf kleinster Stufe, aber wenigstens zieht es so nicht mehr. Mein neuer Transformator hat zwar mein Handy aufgeladen, aber es gibt keinen Empfang, und als ich den Laptop anschließe brennt der Transformator durch. Wenigstens konnte ich mir damit dann noch ein Bier öffnen, denn ich habe auch keinen Flaschenöffner. Draußen liegt innerhalb von kürzester Zeit 10 Zentimeter Schnee, es pfeift, die Berge sind mit dichten Wolken bis in die Täler verhangen.
Mittwoch: Flucht ins Café
Am nächsten Morgen bin ich froh, dass ich soviel Geld für einen SUV ausgegeben habe: ein sicheres Gefühl bei jeder Wetterlage. Nur hilft der mir auf den Wanderwegen nicht: auf den Pfaden stehen Schneematsch und Regen 5 Zentimeter hoch. Ich gebe auf, fahre nach Kalispell, das größte Kaff in der Gegend. Die Hauptstraße von einer Allee gesäumt, es gibt ein gutes Café und ich habe ja jetzt Zeit zum Lesen. Ansonsten tiefste Provinz, und das in jeder Regung der Bewohner spürbar.
Donnerstag: wenn schon denn schon – direkt ins Wasser
Am nächsten Morgen: der letzte Versuch. Die Sonne scheint. Ich will garantierten Spaß, deshalb melde ich mich zum Whitewater-Rafting an. Und ich bekomme alles für mein Geld, was geht. Wegen des Schnees sind die Flüsse voll, die Sonne brennt, in meinem Zodiac eine Abiklasse, die nur ein Ziel hat: nass werden. Dementsprechend sensationell war die Stimmung, es landeten 5 Leute im Fluss und in den anderen Booten schauten sie nur neidisch rüber ☺
Ich möchte von einer Telefonzelle aus nach Deutschland telefonieren. Das geht nicht. Auch vom Hotel aus nicht. In den USA gibt es inzwischen Kreditkarten zweiter Klasse, nämlich diejenigen, die nicht dort hergestellt wurden. Europäische Karten funktionieren nicht mehr für alles, jede Tankstelle ein Vabonspiel.
Ich habe manchmal das Gefühl, es ist verkehrte Welt. Zum Beispiel: Joni Mitchell, Ikone der 68er, die mit der Plattenindustrie brach, weil sie den Konsum nicht ertrug, hat jetzt ein neues Album eingespielt: für Starbucks Kaffee. Darauf bringt sie in unterschiedlichen Versionen des Themas „Ich-bin-die-Kerze-der-Hoffnung“ Zeilen gegen den Kapitalismus und die Ausbeutung. Und ich frage mich, warum es so schwer ist, politische Songs zu schreiben. Liegt es daran, dass es keinen sichtbaren Feind gibt, dass man alles sagen darf und deshalb vieles zur Platitüde gerät?
Später dann nach Whitefish, ein winziger Wildwest-Ort mit Bahnanschluss. Es gibt ein Museum, das schon zu hat. Eine wunderbar erhaltene alte Bahnhalle mit zweizeiliger Buchstaben-Einsteck-Anzeigentafel.
Ich gebe meinen Mietwagen am Flughafen ab, muss für wenige Stunden ins Motel, man darf am Flughafen nicht übernachten, auch wenn der Flieger um 6 geht. Der Fahrer erzählt, dass es seit Dezember Gäste befördert – seine Frau mit kleiner Tochter wohnt in North Carolina. Er arbeitet sieben Tage die Woche. Er hat seit Dezember keinen Tag frei genommen. Er ist müde, aber er macht weiter. Sechs Stunden, nachdem er mich am Motel abgesetzt hat, holt er mich dort wieder ab. Er ist die Nacht durchgefahren. Seine Frau will einen BMW Mini oder einen Hummer. Mal sehen, wann er damit nachhause fahren kann, um seine Ehe zu retten.
Heute: Friseur – Zivilisation
Jetzt in Vancouver. Das Wetter ist toll. Der Strand ist voll. Ich bin in einer Großstadt, die ich kenne. Es ist wie das beste von Kalifornien mit dem besten vom Norden vereint. Es ist mit viel Asien und einem Schuss Europa. Es ist oft freundlicher, entspannter, offener, und ich will es nicht glauben: der kleine chinesische Kofferhändler hat genau den Adapter in der Tür hängen, den ich suche. Der Blick hier geht wegen der vielen Immigranten zuweilen doch über den eigenen Tellerrand hinaus.
1 Antwort bis hierher ↓
_smh // 14. Juni 2008 um 21:38
Dieses absolute Provinzgefuehl wuerde mich mal interessieren.. hast du mit Leuten dort ueberhaupt sprechen koennen ausser „Nicht-Amerikanische-Kreditkarten sind unwuerdig“?
LG aus’m Norden