HARTFORD, Connecticut
26. und 27. September 2010
In Amherst ein weiterer Baustein der literarischen Tour. Hier lebte und arbeitete Emily Dickinson, dabei verließ sie die Stadt und auch eigentlich ihr Haus nicht so wirklich, sondern verschloss sich in demselben und erträumte sich die Welt in ihren Gedichten.
Ich gehe durch Amherst und entdecke das Gegenteil von Hanover. Ein heruntergekommener Fleck, die feminist branch der U of M, es riecht nach Ökostudi-WG. Nicht ein verträumtes Studentenstädtchen, sondern eine Ankündigung von Armut, wie sie nach Süden hin immer sichtbarer wird – vor allem in Hartford, Connecticut. Hauptstadt der Versicherungswirtschaft.
Ein Versicherungsangestellter beschreibt, wie die Krise die Stadt getroffen habe. Seine eigene Firma, ein regionales Unternehmen, ehemals Tochter des fast-Pleite-Riesen AIG, jetzt Tochter der Münchener Re. Darüber ist er froh. Sein Arbeitsplatz scheint gerettet, er kann es sich grade noch leisten, wenn auch selten, die Familie mit nach Manhattan zu nehmen, zu einem Musicalbesuch, und zwar mit den beiden Töchtern gemeinsam. Doch vielen andern geht es schlecht. Das “Opernhaus” von Hartford: geschlossen. Die Künste leiden, sagt er, denen hat man als erstes das Geld abgedreht. In vielen Straßen: die Fenster mit Papier verklebt, Geschäfte und Lokale zugemacht, die Pleite ist offensichtlich. Viele Menschen lungern auf den Straßen herum.
In der Farmington Avenue steht noch ein Schatten vom Glanz alter Zeiten. Zwei gigantische Häuser, die vom Reichtum des 19. Jahrhunderts erzählen. Im einen verbrachte Harriet Beecher-Stowe die letzten 23 Jahre ihre Lebens, nachdem sie „Onkel Toms Hütte“ geschrieben hatte. Das Buch versetzte Millionen Amerikaner um 1850 in Aufruhr. Die einen bestärkte es darin, dass die Sklaverei abzuschaffen sei, die anderen waren genau darüber verärgert. Lincoln soll zu ihr gesagt haben, sie sei also die kleine Frau, die den großen Krieg begonnen habe.
HarrietBeecher-Stowe schrieb Onkel Tom übrigens in Brunswick. Es scheint so zu sein, als hätten viele Literaten den Weg aufs Land gesucht, um dort Ruhe zum Schreiben zu finden – und als seien sie dann nach verrichteter Arbeit schleunigst wieder in die Welt oder wenigstens die Großstadt (New York) zurückgekehrt.
Im Haus daneben lebte Mark Twain. Ein unglaubliches Gebäude, eingerichtet von jenem Tiffany, an den alle denken, wenn sie bunte Glaslampen sehen. Dunkel holzvertäfelte Wände, Nippes aus allen Erdteilen, die Twain als Journalist besuchte, ein Abenteuerschloss mit Wintergarten und Springbrunnen, mit Billiardzimmer und einem eigenen kleinen Reich für Gäste. Ein geradezu lukullischer Ort, ein fröhliches Zuhause für seine Kinder, eine kostbare location für herrliche dinner-parties mit Freunden, Kollegen, Bekannten. Und im Unterhalt recht teuer. Wie bei den Melvilles lebte auch hier der schreibende Mann vom Vermögen der Frau, obwohl sich Twains Bücher und Reportagen vergleichsweise gut verkauften. Ein weltreisender Humorist, dessen Stil begeistert hat. Aber auch hier wird das Haus zum tragischen Ort, zwei seiner Kinder sterben dort und Twain, eigentlich Samuel Clemens, kehrt mit seiner Frau nach einer langen Europareise nicht dorthin zurück.
Ich entschließe mich, nicht zu bleiben, sondern nehme einen Tag vorzeitig den Bus nach Manhattan. Dreieinhalb Stunden schiebt er sich über die Autobahn, es regnet bald in Strömen. Die Metro bringt mich zum Hostel, Central Park West, und ich verbringe den angebrochenen feucht-warmen Abend im Kino: erst den neuen Woody Allen Film, der nette Momente hat aber vom Bau her weder richtig anfängt noch überhaupt aufhört – und hinterher noch Howl, ein Film, der sich nicht entschieden kann, ob es nun um den schwulen Ginsberg geht oder um eine künstlerische Doku-Umsetzung seiner bio oder um einen Kampf gegen die Zensur; und dann ist der erste Großstadt- und Kulturhunger nach 10 langen Tagen auf dem Land gestillt. Ich komme hier gar nicht zum Schreiben, weil ich den ganzen Tag nur unterwegs bin











































