Wolf-Christian’s Reisetagebuch

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California Dreaming – and reality

26. Mai 2008 · Kommentar schreiben

L.A. Tag 2

Endlich Cabrio-Wetter! Und der California-dream wird wahr. Das wölfchen am Steuer eines weißen Chevy Cabrio bei strahlendem Sonnenschein den Küstenhighway von Santa Monica in die Pacific Palisades hinauf. Steile enge Straßen führen durch reiche, durch blühende Hecken abgeschirmte Anwesen. Gegen die versammelten Luxusmarken der deutsch-japanischen Autoindustrie, die dort oben über den Hügeln von L.A. versammelt sind, stinkt meine Plasteschüssel natürlich ab, aber aufs Gefühl kommt es an. Thomas Mann hat hier im Exil gewohnt und auch die Feuchtwangers und eins muss man sagen: sie hatten es sicher nicht leicht, aber sie hatten eine verdammt gute Aussicht!
Dann weiter an die Strände von Malibu. Das war etwas unspektakulär, weil die Flut allen Strand bedeckte, aber schön war es trotzdem. Jetzt endlich kommt das Buch „Pazifik Exil“ zum Einsatz, dass ich zum Geburtstag bekommen habe, und das mir den passenden Hintergrund zum sonnigen Strandtag gibt – den ersten auf dieser Reise.
Nach Heidelbeeren, Schonkost und Immodium schließlich eine gegrillte Seezunge zum Strandpreis, so lässt sich das aushalten! Bis jetzt ein entspannter Tag, der mit einem Abendspaziergang zum Venice Beach ausklingen sollte, als ich auf dem Strand direkt am Santa Monica Pier im Sonnenuntergang ein großes Feld mit Kreuzen entdecke.

memorial on the beach

Eine sonderbare Szene: Direkt unterhalb von Bubba Gumps Shrimp Company und einem bunten Jahrmarkt feiern Veteranen den Memorial Day. Touristen schlendern durch Reihen mit kleinen weißen Kreuzen, jedes steht für einen gefallenen Soldaten im Irak. 4081 sind es bis heute. Dazwischen auch Tafeln mit den Namen der irakischen Opfer des Krieges. Ich bekomme einen Klos im Hals.
Viele bleiben an den Tafeln stehen, auf denen jeder Gefallene mit Namen, Alter, Todesdatum und Einheit aufgeführt ist. Einige Kreuze haben Namensschilder, kleine Nachrichten und Blumen angeheftet. Es ist ein trauriger Moment in all dem Trubel. Und die Szene, mit der mich L.A. verabschiedet. Morgen in aller Frühe geht es auf dem Küstenhighway weiter nach Norden, zu einem Abstecher auf den Pazifik, zu den Channel Islands.

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Wie mir L.A. den Magen umdrehte!

26. Mai 2008 · 1 Kommentar

L.A. Tag 1

Weil es hier – außer bei Starbucks – keine konsequente Café-zum-Hinsetzen-Kultur gibt, bin ich zum Frühstück extra nach West-Hollywood gefahren, denn dort ist so etwas zu finden. Es heißt zum Glück Champagne (so fängt das Wochenende richtig an) und besticht durch ein cross-over französischer Patisserie (Croissants) und amerikanischer Frühstückskultur (im croissant befinden sich bacon und scrambled eggs – dazu wird Ketchup gereicht). Das hat sehr lecker geschmeckt und danach hatte ich den ganzen Tag Töpfchenalarm.
Das hat mich allerdings nicht abhalten können, meine Kunst-Tour weiter zu verfolgen. Im Pacific Design Zentrum hat das MOCA einen Design-Ableger. Von außen inmitten einer großen Baustelle verbirgt sich drinnen ein schöner Ausstellungsraum. Dann weiter zum LACMA, eine riesige Anlage mit unterschiedlichsten Sammlungen – alle sehr gut. Ich habe mich auf die amerikanische Kunst und die Fotografie beschränkt: das war alles sehr gut, aber das Getty hat doch mehr begeistert.
Um wieder auf den Boden der Tatsachen zu kommen auf zum All Amercan Farmers Market. Von drugstores, K-Marts und allerlei Ketten umzingelt eine kleine Einkaufsmeile mit den gängigen Vertretern, dazu allerdings noch der „American Girls Store“ (unglaublich, da kamen kleine Mädchen raus, die zogen riesige Tüten neben sich her (nicht übertrieben!) und waren dabei sehr rosa). Auf einer Bühne wurde, mal wieder, wie übrigens überall, Sex in the City angepriesen. Ein solches landesweites mega-Marketing hab ich selten erlebt. Neben all dem eine kleine Fresszone, wo es tatsächlich etwas ähnliches wie einen kleinen Markt gab, mit unterschiedlichsten Spezialitäten. Das war günstig aber dem Magen hats auch nicht geholfen.
Schließlich auf nach Santa Monica, direkt an den Strand, denn dort befindet sich mein Hostel für diese Nacht: riesig, gut ausgestattet, leider wohl recht laut, aber egal: der Sonnenhintergang (hinter den Wolken) rechtfertigt die kleinen Opfer.
Neben dem Hostel gibt es ein etwas heruntergekommenes Programmkino, das seit den frühen Achtzigern sicher keine Renovierung der Säle erfahren hat. Ein programmkino scheint selbst in der Filmstadt L.A. nicht so häufig vorzukommen, die meisten Kinos zeigen dieselben vier Filme: Narnia, Indiana Jones, Ashton und Cameron Diaz in Las Vegas und noch irgendwas unansehliches. Ich hab mir in der Spätvorstellung „The Visitor“ angesehen, über einen frustrierten Mittelklasse Professor, der per Zufall und gegen seinen Willen Mittelpunkt eines Abschiebedramas wird. Das war sicher die beste Alternative gestern Abend ☺

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Getty (on the) rocks

24. Mai 2008 · 3 Kommentare

Der Highway führt über atemberaubende Pässe aus der Wüste. Ich bin fit, denn selbst in Joshua Tree gibt es einen Starbucks mit Drive In und lecker Capuccino: man mag es nicht für möglich halten. Kahle Felszüge wechseln mit kargen Tälern, durch die der Wind schneist und in denen Kakteen und Telefonmasten die einzige Erhebung sind. Wo die Böen am heftigsten sind, stehen Windräder in Reih und Glied. Dann die ersten Siedlungen, das Navi leitet mich zielsicher und fast ohne Stau quer durch die Freeways von L.A. zu meinem ersten Ziel:

Nämlich ein weiterer Höhepunkt meiner Kunst-Tour! Ein Tag im Getty Center.

Weil man sowieso nicht alles schafft habe ich auf die Gemälde größtenteils verzichtet und mir die grandios dekadenten Möbel aus französischen Adelshäusern von 1660-1800 angesehen. Wunderbares Kunsthandwerk, feinste Hölzer und Intarsien! Da war noch einiges für meine Wohnung dabei! *Scherz*
Höhepunkt aber: die Fotoausstellungen. Gleich als erstes begrüßt mich eine Collage von David Hockney, die genau das zeigt, was ich grade aus dem Auto gesehen hatte!

Dann zwei Sonderausstellungen – für zwei deutsche Künstler. Einmal die Industriearchitektonischen Fotoserien von Bernd und Hilla Becher, die den Ruhrpott und Westfalen gefühlt an den Pazifik katapultierten.

Und zum anderen die wunderbaren Portraits von August Sander, der vorhatte, die Gesichter des 20. Jahrhunderts auf fast ethnologische Weise zu erfassen. Unglaublich feine Charakterisierungen von Menschen und Berufsgruppen; und auch wenn die meisten Fotos aus den 20er Jahren sind und sich die Mode geändert hat, viele von den Bankern, Putzfrauen, Portiers oder Anwälten würden heute wieder so aussehen. Das war wirklich beeindruckend!
Hier ein Portrait von drei jungen Bauern, auf dem Weg zum Tea-Dance am Sonntag. Wenige Monate, bevor der erste Weltkrieg ausbricht. Man merkt der Melancholie im Foto förmlich an, dass da irgendwas in der Luft ist.

Eine Ausstellung über California Videokunst bestätigt eher meine Vorurteile gegenüber der Videokunst. Man sieht einfach sehr schnell, wenn das Handwerk nicht stimmt, und das tut es meistens leider nicht. Der Effekt macht nicht mehr alles weg, seit wir uns an MTV schon satt gesehen haben.
Schließlich noch ein Abstecher zu den Monets und van Goghs. Wie Pop-Art wirken die inzwischen, so vertraut, so oft gesehen, und doch natürlich sehr sehr schön. Hier hängen sie völlig unprätentiös an der Wand, Millionenwerte, die Touristen schlurfen in Trainingsjacken daran vorbei, kaum einer macht ein Foto.
Nach den Ausstellungen im Whitney und Guggenheim in New York also ein weiterer Tag für die Kunst: hoch über Los Angeles im Getty Center. In einer grandios gelegenen Anlage, in hellem Stein auf den Fels gemeißelt vom Architekten Richard Meier. Abends kam sogar die Sonne durch, so dass der Blick klar wurde auf eine Stadt die nirgends anfängt und nirgends endet, Los Angeles am Pazifik.

Die Fotos heute übrigens ausnahmsweise aus dem Netz. Hatte keine Lust, die Kamera durchs Museum zu tragen.

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