Wolf-Christian’s Reisetagebuch

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Sag zum Abschied leise Servus

25. Juni 2008 · Kommentar schreiben

Schöne Grüße aus Sidney – („na wie, wie kommt er denn nach Australien!? Nicht doch, Sidney, Vancouver Island. ACHSO!!!“) Tjaja, statt Opernhaus steht hier am Hafen ein Fischmarkt. Statt Olympia düsen hier Senioren per Rollator den Beachwalkway entlang. Und statt sexy Surfer streift dort, richtig, das Wölfchen in Strickjacke über den Kai.

Von Sidney aus startet morgen Mittag auch mein Flieger. 25 Minuten über die San Juan Islands nach Vancouver und dann umsteigen in eine Maschine voller Deutscher. Lufthansa nach Frankfurt. Viele Schaben, Schwaben!, mit breiten Vokabeln, sonderbaren Hüten und sehr deutschem Habitus. Ich werde wieder ein Gate weiter auf mein boarding warten, bis es sich wirklich nicht mehr vermeiden lässt; und dann bin ich doch froh, wenn es wieder nachhause geht. Und wenn schließlich, und diesen Moment habe ich jetzt schon vor Augen, im kleinen beschlagenen Fenster die weißen Buchstaben „Berlin-Tegel“ sichtbar werden. Dann bin ich ganz glücklich, wieder daheim zu sein.

Ich komme grade vom Abschiedsessen, mit Sue und James und Sheena – ein grooviges Restaurant im Souterrain mit exzellenten Martinis (wie sie hier zu Cocktails sagen) und wirklich gutem Essen – eine Mischung aus Thai, Indisch und Westcoast. Ich habe jetzt keinen Dollar mehr in der Tasche, und gleichzeitig das Gefühl, mein Geld optimal eingesetzt zu haben auf dieser Tour.

Viele Kanadier, die ich getroffen habe, sind sehr interessiert an Deutschland, viele waren schon zu Besuch, haben sich dort wohl gefühlt, und viele planen, endlich Berlin zu erleben – wovon sie schon so oft gehört haben. Die ersten Anmeldungen zur Übernachtung im Palais Wollé gibt es schon. Es wäre toll, wenn der Austausch weitergeht.

Es war eine wahnsinnig abwechslungsreiche, zu jeder Zeit spannende, mitunter erholsame und sehr lange Reise. Überschrift: sensationell. Mein Computer hat selbst dort funktioniert, wo mein Handy versagte. Und deshalb wart Ihr überall dabei: live und in Farbe.

Bleibt deshalb der Dank an Euch. Ich habe an den Klickzahlen gesehen, dass Ihr mich jeden Tag begleitet habt auf dieser Tour, oft in großer Zahl, und dabei hoffentlich meist Unterhaltsames lesen konntet. Ihr habt die Kandidatenkür in den USA und die Frühlingsblüte in Montreal miterlebt, Ihr habt Regen in der Wüste, Schneesturm in den Rockies, Metropolen und Einsamkeit kennengelernt, Schriftsteller in Neuengland und die California 1. Ihr wisst jetzt, wie man in Nordamerika Kaffee bestellt, wo Samatha in NY speiste (dass sie aus Britisch Kolumbien kommt) und wo in San Francisco schwule Cowboys tanzen. Ihr wart auf Inseln mit dabei, habt das Bärenspray gehalten (obwohl es niemand brauchte) und habt in Mekka Spanisch übersetzt. Und ich bin froh, dass ich das alles mit Euch teilen konnte.

Und also…

…Donnernde Trommelwirbel, kreischende Fanfaren. „Vielen Dank meine Damen und Herren, vielen Dank: für Ihre Treue (Kunstpause), für Ihr Interesse (bedeutender Blick), für Ihre Gelduld (ironisch-entschuldigendes Lächeln).“ Tosendes Gebrüll, wedelnde Bündel kofferfertig zusammengerollter Unterwäsche.

Das wars.
Es war toll.
Wir sehen uns zuhause.

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Was Victoria glücklich macht: Pferdekupfer und Bacon-Vodka

24. Juni 2008 · Kommentar schreiben

Heute war ich mal Tourist. Ich habe mich auf einen Cabrio-Doppeldeckerbus gesetzt und eine Stadtrundfahrt mitgemacht. Einmal, weil ich wissen wollte, was ich noch nicht weiß. Und dann, weil ein Freund von mir der Tourguide war. Jetzt weiß ich genau, wo 1843 das Fort Victoria stand und wie das das grüne Kupferdach auf dem Parlamentsgebäude künstlich express-oxidiert wurde, indem man nämlich Pferdepiss drüberlaufen ließ – und ähnliches Partywissen mehr. Zum Beispiel über den Architekten Francis Rattenbury, der das Parlamentsgebäude bauen durfte. Den Auftrag erschlich er sich mit einer gefälschten Biographie und einem geklauten Design. Das nahm ihm jedoch niemand übel, weil alle sein Gebäude mochten. Übel nahm man ihm dagegen, dass er seine Frau sitzen ließ, um seine Mätresse zu heiraten. Er wurde nach England verjagt. Doch bändelte seine Mätresse mit ihrem Chauffeur an, der aus Eifersucht den falschen Architekten erschoss. So liegen Ruhm und Elend offenbar nah beieinander.
Es ist etwas kalt heute, dennoch spektakuläre Aussicht auf die Olympic Mountains in Washington State, die wie eine Sahnehaube über den Straßen von Victoria tronen. Etwas nördlich der Innenstadt liegen auf einem Hügel die Ortsteile Oak Bay und Uplands, wo riesige Villen im britischen Un-Stil gebaut sind. Die Uplands schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Gated Community. Früher war die Regel: Du darfst hier bauen, solange ein Profi Deinen Garten in Schuss hält und Dein Haus mindestens 12.000 Dollar wert ist. So entstand ein wunderbares Viertel, dessen Gemäuer inzwischen Millionen wert sind. Mit Seeblick selbstverständlich. Ob die Dollar-Regel noch steht, weiß ich leider nicht ☺
Je näher meine Abreise rückt, desto dichter drängen sich Treffen mit alten Freunden. Gestern war Ursula zu Besuch, die mit mir bei Sue Hausgast war. Mit dabei ihre Mutter Edith, in Fürstenwalde bei Berlin den Krieg überlebt und danach nach Kanada ausgewandert.
Vorgestern Geburtstagsfeier bei Steve mit einer sonderbaren Spezialität: Bacon-Wodka, ein übles Gesöff, das angeblich grade wahnsinnig hipp ist. Hergestellt folgendermaßen: Gebackene Baconstreifen eine Woche in Absolut einwirken lassen. Mit dem fettig goldenen Abguss fertigt der schmerzfreie Genießer hernach eine Bloody Mary. Spargel, Ei und Sellerie dazu… und ich bleibe gerne beim Gin&Tonic.
Heute Abend geht’s zu einem der diversen Vietnamesen, hierzulande boshaft als FOBs betitelt (Frech off the boat). Darauf ein empörtes „also-entschuldige-mal!!“ – und bis morgen!

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Brutzelalarm

22. Juni 2008 · Kommentar schreiben

Mary und Peter haben zum BBQ eingeladen und damit offiziell auch hier die Grillsaison eröffnet – mit sensationellen Spießen. Die Ulrichs wurden herzlich vermisst – und sollen im kommenden Jahr vollständig antreten! Wölfchen ist jetzt kugelrund.

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Der sechste Fuß – und drei Tore

20. Juni 2008 · 1 Kommentar

Heute ist der sechste Fuß aufgetaucht. Es ist wieder ein rechter, und auch dieser steckte in einem Turnschuh. Ich finde, man darf darüber lachen. Insgesamt sind es nun fünf rechte und ein linker Fuß, alle in Turnschuhen, und es weiß noch immer niemand, wem sie gehören, oder wo der Rest ihrer Besitzer steckt. Vielleicht haben Touristen die Füße vor der Passkontrolle abgegeben. „Do you bring in any food?“ „Oh, just one.“
Anyway. (britischen Akzent vorstellen)
Das Royal Museum of British Columbia feiert 150 Jahre Provinzgeschichte in einer Sonderausstellung: tolle Idee, die Menschen haben Gegenstände oder Fotos beim Museum abgeben und die Kuratoren haben daraus ein Bild der Vergangenheit gebaut, in dem sich viele der Besucher wieder finden können. Erstaunlich, wie jung alles ist. Es gibt einen sensationellen Artikel über Victoria auf wikipedia, in dem alles das steht, was ich euch jetzt erspare, aber hier zumindest kurz diese Daten: 1843 erst wurde Fort Victoria als Handelsposten der Hudsons Bay Company gegründet. Die Firma wurde mit dem Pelzhandel reich und es gibt immer noch eine große Kaufhauskette namens „The Bay“, die das Imperium aufrecht hält. Also: von Osten kamen die Pelzhändler – von Süden die Goldsucher. 1858 geht ein Ruck durch die Gegend, Vancouver erlebt einen boom, im Museum ist der viertgrößte Nugget zu sehen, der gefunden wurde. 1875 können die Menschen in der sehr britischen Kolonie Bier der Marke Bavarian Beer kaufen, das in Victoria gebraut wird. Übrigens ist erst Vancouver Island Kronkolonie der Engländer, erst später wurde British Columbia um Vancouver eine Kolonie, bevor die Kolonien dann vereinigt werden und als British Columbia 1871 Canada beitreten (klar!?).

Trotzdem gehört Kanada noch zum Commonwealth. Staatsoberhaupt ist Lizzy von England. Und ihr Vertreter als Lieutenant von British Columbia residiert in einem großen Haus über der Stadt. Mit einem wunderbaren Garten, der seit 1911 gepflegt wird, seit einiger Zeit von einem Club freiwilliger Gartenfreunde. Als ich heute da war, standen in jeder Ecke Schubkarren und unkrautjätende Seniorinnen.

Tja und um 11:45 heute früh saß ich pünktlich in einer Sportsbar um unserem Team die Daumen zu drücken. Sensationell: der kanadische Kellner lief mit Deutschalandschal herum (Fußball wird immer beliebter in Nordamerika), sonst waren nur noch eine Handvoll Leute da, aber es hat wohl trotzdem was gebracht. Sensationelle Tore und trotz nervtötender letzter Minuten ein toller Sieg. Prosit auf Blond, Grins und Still (Schweinsteiger, Ballack und Klose).

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Das letzte Radio-Orchester und verlorene Füße

18. Juni 2008 · Kommentar schreiben

Ich war heute sehr faul, habe mal wieder Wäsche gemacht, mich lange mit meiner Gastmutter Sue unterhalten, bin schließlich etwas durch Victoria gewandert und habe schließlich meinen alten Freund Ray wieder getroffen. Schöne Abendbilder vom kleinen alten Hafen im Zentrum findet Ihr unten. Mit dem Hinweis allerdings, dass trotz Postkartenromantik auch in Kanada die Welt nicht immer ganz perfekt ist. So wurde hier kürzlich das letzte Radiosymphonie-Orchester Nordamerikas eingestellt. Es gehörte seit 1938 zur CBC (etwa die kanadische, winzige BBC), bestand aus 35 freien Mitarbeitern (winzig) und war in Vancouver ansässig. Nicht nur, dass das einst anständige zweite CBC Radioprogramm aus einem Klassikprogramm zu einem Klassik-Jazz-EasyListening, also einem kanadischen kommerziellen Softie-Funk á la Klassikradio degradiert wurde. Nun also noch das Orchester weg.
Überhaupt scheint der einzige öffentlich-rechtliche Sender, der das riesige Land seit Jahrzehnten kulturell über tausende Kilometer sprichwörtlich zusammenhält, etwas zu trudeln. Die Meldung, der Sender habe die Erkennungs-Melodie der nationalen Hockey-Show an die private Konkurrrenz verkauft, schaffte es auf die Titel der nationalen Printnachrichtenmagazine, wurde sogar in den USA wahrgenommen (das will was heißen). Es wäre so, als würde „ran“ von SAT 1 wiederbelebt mit der Melodie des ZDF aktuellen Sportstudios. So gibt es Dinge, die gibts gar nicht.

Was ich wiederholt gehört habe: für über 80 Prozent der Kanadier ist das Thema „Umwelt“ die wichtigste politische Aufgabe. Das ist überraschend. Dazu passt die Meldung, dass Autoverkäufe seit den gestiegenen Benzinpreisen zurückgehen, Honda allerdings vermehrt sparsame Kleinwagen absetzt und Toyota eine Hybridversion des Camry anbieten will: heute der (ansonsten schlecht informierten) Lokalpresse entnommen.
Außerdem: allgemeine Verwunderung darüber, wem denn nun der fünfte seit zwei Jahren körperlos an Land gespülte Fuß gehören mag. Die Polizei steht vor einem Rätsel, da alle fünf Füße in Turnschuhen steckten, und scheinbar auf natürliche Art und Weise von ihren Besitzern abhanden kamen. Diese Meldung brachte es bin ins Spiegel Online, wobei der Autor dort vom „beschaulichen Britisch Kolumbien“ sprach, was für die betroffene Gegend um Vancouver in etwa so falsch gedichtet ist wie: im „beschaulichen Küstenstädtchen Hamburg in Norddeutschland…“
Aber damit der Spiegel beschauliche Klicks bekommt, schreibt er ja auch gerne beschauliche Geschichten.
Morgen geht’s um „150 Jahre Britisch Kolumbien“, bis dann gute Nacht!

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