Nachtrag: New York 2 – State of the Art.

NEW YORK CITY, New York

State of the art.

 

Whitney Museum of American Art

 

 

Daumen drehen, Hüfte nach hinten, Arme schlenkern, Daumen drehen, Arme schlenkern, Hüfte nach hinten, Daumen drehen. Usw. Was aussieht, wie einfachste Übungen wird Tanz, weil es immer länger dauert, weil es immer schwieriger zu erinnern wird, in welcher Reihenfolge die wenigen Bewegungen passieren werden. 1971 hat Trisha Brown diese Performance im Whitney Museum installiert – und heute wird sie wieder aufgeführt. Körper, die plötzlich an der Wand entlanggehen. Überall knipsen und filmen iPhones, es wirkt ein bisschen outdated, ein bisschen zufällig, vor allem zufällig – an einem Mittwoch Mittag um 14 Uhr in einem der wichtigsten Häuser für moderne amerikanische Kunst in den USA. Aber warum sollten auch alle hier sein, wenn sie auch in den hunderten Galerien sein könnten oder den großen anderen Museen Schlange stehen.

 

Chealsea & Meatpacker

 

Natürlich schwärmen sie auch hier von Berlin. Dem bezahlbar-Mekka junger, vielleicht auch aufstrebender Künstler, noch dazu in Europa, noch dazu the coolest place. Wo die Dichte an Berufsjugendlichen vielleicht so hoch ist wie sonst nirgends. Und wo die Auguststraßenflaneure und Rosenthalerplatzsurfer selbstverständlich ausstrahlen, Berlin sei Kunstmäßig einfach der Mittelpunkt der Welt. Allein ein Nachmittag in Chelsea beweist, dass dies nicht ganz stimmt.

Wie schon so oft zuvor schauen Amerikaner über ihre eigenen Talente hinweg nach Europa, und den Europäern gefällt das, weil sie dann das Gefühl haben, so unwichtig doch nicht zu sein. Es reicht schon eine Woche Kunst gucken in New York, um ein bisschen demütig zurück zu reisen und sich beim nächsten Besuch der Auguststraße daran zu erinnern, wie viele Auguststraßen eigentlich in Chelsea allein in einem der gallery warehouses versammelt sind oder wie viel Kunstwerke im PS1 oder dem New Museum stecken.

 

End of High Line

 

Am nördlichen Ende der Highline beginnt das Galerienviertel von Chelsea. In alten Warenlagern und Fabrikgebäuden sind Ausstellungsflächen untergebracht, florieren Geschäfte, die sich mit „Bedrucktem“ befassen, mit der Faszination von Stil und Ästhetik und Skandal auf Papier. Die Touristen studieren weiße Faltblätter, auf denen die wichtigsten Adressen notiert sind. Die Kunstwelt trägt Bart, Karottenhosen, Indie-Shirts und Tragetaschen und ich grinse hämisch, denn das wirkt alles ein bisschen O-Straße in all seiner spießigen ich-bin-anders-und-indie-attitude.

 

Candida Höfer

 

Vieles in Chelsea ist laut und schreit „kauf mich, ich bin doch Kunst.“ Aber das ist es woanders auch. Die Überraschungen finden sich in weniger auffälligen Orten. Zufällig gehe ich in die mit matten Fenstern uneinsehbare Galerie Sonnabend und stehe plötzlich vor den Fotografien einer Candida Höfer.  Davor Fotografien von Andrea Robbins und Max Becher, die den Cowboy Mythos um eine Farbe erweitern: in einer Serie über Black Cowboys, die mit einer fast gemeinen Selbstverständlichkeit unsere Sehgewohnheiten von race brechen.

 

Black Cowboys

 

Einige Häuser weiter erkenne ich Ost-Berliner Plattenbauten, immer wieder gebrochen und neu in Serie gebracht und zwar so, dass man gar nicht wegsehen kann. Eine Arbeit von Steve Sabella, lebt in London und Berlin, Jahrgang 1975, Themen: Exil und Identität im nahen Osten.

 

Steve Sabella - Exile (2008)

 

Ein Haus weiter: Alex Gross. Wie Werbeplakate unserer hochvernetzten Hippsterwelt, zuweilen surreal, reflektiert es die naive Weltsicht derjenigen, die die Welt durch das Display ihrer Handies sehen: als Animation, in der Symbole durcheinandergewürfelt werden, bis der barocke Totenkopf neben der Werbemarke zu Fall kommt und alles entweder grotesk an Bedeutung verliert – oder eben auch gewinnt.

 

Alex Gross - Dark Side

 

Das Gegenteil der hochpreisigen und zum Teil auch first rate galeries findet sich im East Village. Hier sind sie dermaßen Indie, dass es mir gehörig auf die Nerven geht. Sie sprechen deutsch, französisch, spanisch und englisch, sie sind auf alternative Art maingestreamt, und auf eine seltsame Art international gleichförmig. Derselbe Hippsterkrams also wie daheim und das ist doch hie wie da etwas lächerlich, denn es offenbart mehr Pose als Leidenschaft. In einer kleinen Galerie hängen Portraits von jungen Männern die genauso aussehen, wie diejenigen, die vor der Galerie auf der Chrystie Street auf und ab laufen, und die Portraits offenbaren unfreiwillig die Leere dieser Mode.

 

New Museum

 

Die Ausnahme macht das New Museum. Architketonisch ein Solitär im runtergekommenen Bowery-Viertel, grade Mittelpunkt des etwas überschätzten Bestsellers „Cash“ von Richard Price. Im Foyer eine Art Klagemauer, in der Tausende Fäden mit Wünschen aus der Wand hängen (etwas naiv die ganze Chose, aber egal, der gute Wille zählt) – und im Austausch nimmt man ein Bändchen mit nachhause und hinterlässt stattdessen einen eigenen Wunschzettel. Jeder kann an diesem Kunstwerk teilhaben, es mitnehmen, sich erinnern und etwas sehr persönliches beisteuern. Schade deshalb, dass die vorgedruckten Wünsche etwas flach und aus der politischen Konserve eines Hippie-Workshops zu stammen scheinen.

Die vierte Etage erstaunt mit einer Ausstellung über Brion Gysin, vor allem dessen Zusammenarbeit mit William S. Borroughs (dessen klasse Buch And The Hippos Were Boiled In Their Tanks grade neu erschienen ist – und als Kollaboration mit Jack Kerouac den Anfang der ganzen Beat Szene bildet).

Der käufliche Kontrast zu Chelsea und East Village und Lower Eastside ist schließlich auf der 11. Etage eines Hochhauses in Midtown zusammengewürfelt: auf der Affordable Art Fair bieten Galerien Kunst bis 10.000 Dollar zum Expresskauf an. Man sieht einige Bekannte aus Chelsea wieder, an denen man schon mal gelangweilt vorbeimarschiert ist – man geht also etwas ratlos durch die Reihen und dann mit leeren Händen nachhause, weil einen die Mühe scheut, etwas mittelmäßiges einpacken und verschicken zu lassen.

 

@ Whitney Cafe

 

Ein bisschen enttäuscht bin ich schließlich von einer Ausstellung im Whitney Museum of American Art, eigentlich einer meiner Lieblingsorte in der Stadt. Ich sehe einen Querschnitt aus den Biennialen für amerikanische Kunst: eine schöne Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts, aber irgendwie auch sehr akademisch und damit etwas blutleer. So wie die Einzelshow von Sara Vanderbeek, mitte 30, die mit abstrakter Fotografie Walt Whitman’s Leaves of Gras neu zu interpretieren versucht. Immer wieder begegnen mir auf dieser Reise im Film, in Büchern, in Ausstellungen Rückgriffe auf dieses zentrale amerikanische Gedicht – als wenn Künstler im Moment versuchen, sich auf Amerika einen  Reim zu machen, in dem sie sich amerikanische Ideale von vor 150 Jahren in Erinnerung rufen. Darin steckt eine Sehnsucht nach dem American Dream, der vielen abhanden gekommen zu sein scheint: in den Folgen einer wirtschaftlichen, einer politischen und seit langem auch einer sozialen Krise. Es ging in den Nachrichten hoch und runter, dass bei einem Townhall Meeting des Präsidenten ein Mann Barack Obama die Frage stellt, ob es diesen American Dream für die Amerikaner noch einmal geben kann.

Nach einem enorm fettigen Frühstück in einem silbern glänzenden Diner unter schäbbigen Bahnschienen in Queens finde ich an der Jackson Avenue das alte Schulgebäude, in dem das umwerfendste Haus für moderne Kunst in New York zu finden ist, der PS1 Ableger des MoMA. Der unfertige Mediziner Klaus Biesenbach, Mitgründer der KW Kunstwerke in Berlin Mitte hat hier ein Haus geformt, das als Pulsmesser dient für das, was Kunst heute sagen kann. Und endlich sehe ich nicht nur Auseinandersetzungen mit Form, Material, Geschichte und Sehgewohnheiten, sondern auch mit politischen, sozialen und ökologischen Problemen, denen wir gegenüberstehen.

 

Mariah Robertson PS1

 

Greater New York heißt die Ausstellung, die noch wenige Tage vor sich hat, und 68 Künstler zeigt, die in New York leben und arbeiten. Auf jedem Zentimeter wird die Vitalität dieser Stadt sichtbar, die Reflektion der Künstler von Konflikten weltweit, eine Mini-Dokumenta kann man sagen. Die Ausstellung lässt einen ein wenig demütig zurück und gleichzeitig mit viel Energie und der Neugierde darauf, wie es wäre, ein solches Projekt zuhause zu verwirklichen.

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2 Antworten zu “Nachtrag: New York 2 – State of the Art.

  1. Ich liebe diesen Blog, Wölfchen! Ich lese ihn ständig (zwischen Spielplatzbesuchen). Aber ich muss ein bisschen mit Dir schimpfen, weil Du Richard Price als überschätzt bezeichnest. Gut, wir können uns nicht in allem einig sein… Jedenfalls viele Grüße aus der Heimat!

  2. Lieber Freund. Schön zu sehen, wie gut du die Stadt mit Loch nutzt. Ich in meinen jungen Jahren habe New York (natürlich) schon hinter mir und bin nach wie vor froh Europäerin und auf der Insel (noch cooler wäre es zu schreiben „hier drüben“) zu sein. Das Englisch der Queen ist und bleibt doch das schönste und da lasse ich auch keine anderen Meinungen gelten. Gestern war ich auf einer Party und mir wurde gesagt, ich würde schon ein Englisch wie Shakespeare sprechen. Besser geht ja gar nicht! Zum Schluss noch ein Rat von mir als trendiges Indie-Girl: Komm bitte nicht mit Karottenhosen nach Haus. Cheers und See you later, alligator!
    (By the way und warum ich eigentlich schreibe: Ich bräuchte mal deine private EMail-Adresse.)

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