Der letzte Abend in Vancouver

Vancouver im Herbst

15. Oktober 2010. Es war ein sonniger Tag. Am Abend bieten der Dirigent Bramwell Tovey, der Pianist Marc-André Hamelin und das Vancouver Symphony Orchestra öffentlich Schubert und Mozart.

Es war schon nach der Dämmerung, als der Pianist den Dirigenten langsam und nicht ohne subtile Freude auf offener Bühne erdolchte.

Man hätte es ahnen können. Wie war es möglich gewesen, Schuberts achte Sinfonie mit Langeweile zu ersticken? Der Komponist war 25 Jahre alt, in Hochform, tragische Figur der Romantik, und seine Unvollendete strotzt vor tollen Ideen. Im zweiten und finalen Satz zersetzten sich die Ideen auf unerklärliche Weise, Bramwell Tovey schien Haydn zu dirigieren, obwohl Schubert auf dem Pult lag und irgendwann hatte man sich in Langweile verloren – selbst die Musiker hörten nicht mehr hin, anders sind die Misstöne und Verstimmungen vor allem gegen Ende nicht zu erklären.

Dann Auftritt Marc-André Hamelin. Ein Virtuose aus Montréal. Seine Fingerfertigkeit fast einzigartig.

Er stratzt vor Bramwell auf die Bühne, setzt sich ungelenk auf seinen Hocker und wartet ab, was Bramwell, wir nennen ihn von jetzt an lieber Brambad, was Brambad also mit dem Mozart macht. Er dirigiert ihn zunächst mal wie Schubert. Zähflüssig beginnt das Klavierkonzert Nr 24. Nun ist das Geheimnis von Mozart relativ einfach. Er verlangt Präzision und Leichtigkeit, Witz und Philosophie zugleich. Das macht es nicht leicht. Hamelin muss leiden unter dem, was er da neben sich als Einleitung hört. Als sich im Brei eine Pause ergibt, sondiert er mit seinen ersten Einsätzen die Zielscheibe auf dem Rücken des Dirigenten. Mit introvertierter Eleganz, still und delikat spielt er seinen Mozart und damit ist das Gefecht auf der Bühne eröffnet. Das hin und her bringt zumindest erstmal Spannung in den Abend. Bradbad hat sich inzwischen ein paar Löffel Hollandaise von meinem Frühstücksei geklaut und gießt immer wieder nach, davon kann Mozart seiner Meinung nach gar nicht genug abbekommen. Hamelin stichelt leise dagegen und holt dann, wie ein Fechtmeister, in der Kadenz zum Vorentscheid aus.

Dazu muss man wissen, dass Hamelin ein Spezialist für Chopin ist, und zudem für die moderne, hypervirtuose Bearbeitung der ohnehin schwierigen Chopin Etuden durch einen polnischen Komponisten der Jahrhundertwende. Er kennt sich also aus mit allem, was man braucht, um als Virtuose Eindruck zu schinden.

Die Kadenz gleitet völlig überraschend von Mozart zu Chopin ab, und von dort aus nach Polen ins beginnende 20. Jahrhundert, und schließlich ein bisschen Richtung Jazz. Die Geiger wenden halb entgeistert, halb ungläubig die Hälse. Das Publikum raschelt erstaunt im Programmheft, weil es sich nicht mehr sicher war, ob es zu Beginn wirklich was von Mozart gelesen hatte. Hamelin hört gar nicht mehr auf. Brambad findet dennoch den Einsatz und hält mit Hollandaise dagegen, aber er ist besiegt. Natürlich hat Chopin in einer Mozart Kadenz wenig zu suchen. Doch das subversive Moment, mit dem der grazile Hamelin den Engländer Brambad mit einer völlig freien Interpretation des Konzerts zu Mozart zurückzwang, war ein Höhepunkt. Der zweite Satz ging an Hamelin, weil das Klavier hier das Sagen hat. Der dritte Satz ebenso, die Holzbläser halfen ihm dabei. Im vierten war Brambad trotz aller Versuche nach einer zweiten Kadenz von Hamelin endgültig am Boden.

Nach der Pause folgte Mozarts 39. Sinfonie, ähnlich faul dirigiert wie der ganze Rest – nur im letzten Satz wurde Brambad wieder überlistet. Diesmal von Mozart selbst, der den Satz so schrieb, dass man ihn gar nicht verderben kann: Weil die Musiker einfach zu viel Spaß an ihm haben.

Am Ende freundlicher Applaus für einen sonderbaren Konzertabend in einer der schönsten Tonhallen Nordamerikas: dem harmonischen Chan Center for Performing Arts.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s