My Broadway Experience

This is, what I saw.

NEW YORK, New York

2. Oktober 2010

Zwei Stücke. Ein konservatives. Ein Musical, alte Schule, Sondheim (also dzumindest gute Musik), Walter Kerr Theatre, A Little Night Music. Und ein Theaterstück, Edward Albee: „Me, Myself & I“. 42nd Street.

1. Akt. Ich bin ein Musical Fan. Ich mag Show, ich mag cheezy stuff, ich bin anspruchlos und leicht glücklich zu machen. Die NY Times lobt diese Version von Sondheims Little Night Music. Ich freue mich auf die Show.

Die Zuschauer gelangen nicht durch ein Foyer, sondern mehr oder weniger direkt von der Straße in den Saal. Vielleicht liegt es daran, dass es keine Gelegenheit erhielt, sein schlechtes Benehmen an der Garderobe abzugeben. Es ist sehr eng. Eine Lautsprecherdurchsage mahnt, die Handys auszumachen und Bonbons jetzt zu öffnen und nicht während der Vorstellung. Alle sind sich mit einem herzlichen Lachen darüber einig. Die Show geht los.

Das Orchester ist nicht zusehen, es sitzt in einem Kabuff über der Bühne. Es ist leider auch nicht zu hören. Ich habe noch nie (wirklich noch nicht), eine so schlecht abgenommene und gemischte Show gehört wie diese. Eine Violine und eine Klarinette waren gut zu hören, der Rest ein monotoner, schrecklich langweiliger, völlig unmotivierter öder Brei, ohne Dynamik, ohne Leidenschaft. Die Sänger gut zu verstehen, übrigens auch technisch gut, schauspielerisch routiniert, ansonsten gelangweilt. Einige Zuschauer kommen zu spät, sie werden zwischen den ersten Songs noch in die engen Reihen geführt. Die Gäste neben mir suchen mehrere Minuten lang in ihren Handtaschen in Drogerieplastiktüten nach Bonbons, entfalten diese und lutschen sie dann, und falten die Plastiktüten wieder zusammen und verstauen sie wieder in ihren Handtaschen. Ich möchte gern sagen: „Ladies, this is not the kitchen, it’s a theatre,“ aber dann bin ich auch nur Gast hier und nicht dazu berufen, Ansagen zu machen.

Die Stars zwei Frauen. Das Publikum gibt Applaus beim Auftritt. Die Damen wissen, was sie tun müssen, um gezielt Lacher zu ernten – doch die Grimassen sind durchschaubar und ich verstehe auch nicht, was lustig daran ist, gelangweilten Darstellern zuzusehen. Sie geben 75 Prozent. Die Handlung: ein antiquiertes Beziehungsringelreihen. Als Stoff völlig outdated (das kann man dem Stück nicht vorwerfen, es ist ja alt), aber leider auch noch anno dazumal inszeniert: das offenbart totales Desinteresse.

Ich gehe in der Pause. Das tue ich sonst nicht, vor allem nicht, wenn ich 100 Dollar auf den Tisch gelegt habe.

2. Akt. Ich gehe selten ins Theater. Und: Ich gebe zu, ich mag wenn, dann Boulevard, denn das ist leicht verträglich. (Ich finde außerdem, dass gut gemachter Boulevard eine Kunst ist, die nicht jeder beherrscht.) Drama schaue ich lieber im Kino.

Im Playwright Horizons Theatre sehe ich ein Stück über identische Zwillinge, von denen einer eine Identitätskrise auslebt. Die Mutter ist dabei ein Fall für sich. Titel: Me, Myself & I. Die Kritiken waren reserviert.

Ich sehe zwei Generationen auf der Bühne. (Mit Awards) ausgezeichnete alte Hasen, und den Nachwuchs. Ich sehe ein klassisches Boulevard Stück des Iren  Edward Albee. Ich sehe ein Bühnenbild, das einfach ist, günstig war und trotzdem funktioniert. Ich sehe eine Regie, die nicht umhaut, aber auch nicht langweilt und schlicht einen guten Job macht. Ich sehe Schauspieler, die professionell genug sind, das zu tun, wofür sie bezahlt werden, nämlich eine guten Show. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Am Ende war es ein hübscher Abend. Die Zuschauer haben gelacht und sich gefreut. Die Schauspieler verbeugen sich einmal gemeinsam, einmal ein Zweiergruppen (es waren nur sechs auf der Bühne) und noch einmal gemeinsam. Der Vorhang fällt – und etwa 10 Zentimeter, bevor er auf den Boden gesaust ist, endet schon der Applaus.

Plötzlich verstehe die sechs Schauspieler hier. Wenn das Publikum jeden Abend so gleichgültig ist, dann wäre es mir auch schwer gefallen,  mehr als 100 Prozent zu geben. Ich stehe nach der Show auf dem Bürgersteig und warte kurz auf Empfang in meinem Handy. Der Vorhang ist keine 10 Minuten gefallen. Die Schauspieler verlassen das Haus durch den Vorderausgang. Niemand ist mehr da. Unbehelligt eilen sie in die Nacht.

Ich bin ein wenig enttäuscht, weil ich zweimal erlebe, wie lieblos die Show am Broadway sein kann. Von den einen lieblos gemacht, von den andern respektlos aufgenommen.

Die letzte Station vor New York und der Springbrunnen von Mark Twain

HARTFORD, Connecticut

26. und 27. September 2010

In Amherst ein weiterer Baustein der literarischen Tour. Hier lebte und arbeitete Emily Dickinson, dabei verließ sie die Stadt und auch eigentlich ihr Haus nicht so wirklich, sondern verschloss sich in demselben und erträumte sich die Welt in ihren Gedichten.

Ich gehe durch Amherst und entdecke das Gegenteil von Hanover. Ein heruntergekommener Fleck, die feminist branch der U of M, es riecht nach Ökostudi-WG. Nicht ein verträumtes Studentenstädtchen, sondern eine Ankündigung von Armut, wie sie nach Süden hin immer sichtbarer wird – vor allem in Hartford, Connecticut. Hauptstadt der Versicherungswirtschaft.

Ein Versicherungsangestellter beschreibt, wie die Krise die Stadt getroffen habe. Seine eigene Firma, ein regionales Unternehmen, ehemals Tochter des fast-Pleite-Riesen AIG, jetzt Tochter der Münchener Re. Darüber ist er froh. Sein Arbeitsplatz scheint gerettet, er kann es sich grade noch leisten, wenn auch selten, die Familie mit nach Manhattan zu nehmen, zu einem Musicalbesuch, und zwar mit den beiden Töchtern gemeinsam. Doch vielen andern geht es schlecht. Das „Opernhaus“ von Hartford: geschlossen. Die Künste leiden, sagt er, denen hat man als erstes das Geld abgedreht. In vielen Straßen: die Fenster mit Papier verklebt, Geschäfte und Lokale zugemacht, die Pleite ist offensichtlich. Viele Menschen lungern auf den Straßen herum.

In der Farmington Avenue steht noch ein Schatten vom Glanz alter Zeiten. Zwei gigantische Häuser, die vom Reichtum des 19. Jahrhunderts erzählen. Im einen verbrachte Harriet Beecher-Stowe die letzten 23 Jahre ihre Lebens, nachdem sie „Onkel Toms Hütte“ geschrieben hatte. Das Buch versetzte Millionen Amerikaner um 1850 in Aufruhr. Die einen bestärkte es darin, dass die Sklaverei abzuschaffen sei, die anderen waren genau darüber verärgert. Lincoln soll zu ihr gesagt haben, sie sei also die kleine Frau, die den großen Krieg begonnen habe.

HarrietBeecher-Stowe schrieb Onkel Tom übrigens in Brunswick. Es scheint so zu sein, als hätten viele Literaten den Weg aufs Land gesucht, um dort Ruhe zum Schreiben zu finden – und als seien sie dann nach verrichteter Arbeit schleunigst wieder in die Welt oder wenigstens die Großstadt (New York) zurückgekehrt.

Im Haus daneben lebte Mark Twain. Ein unglaubliches Gebäude, eingerichtet von jenem Tiffany, an den alle denken, wenn sie bunte Glaslampen sehen. Dunkel holzvertäfelte Wände, Nippes aus allen Erdteilen, die Twain als Journalist besuchte, ein Abenteuerschloss mit Wintergarten und Springbrunnen, mit Billiardzimmer und einem eigenen kleinen Reich für Gäste. Ein geradezu lukullischer Ort, ein fröhliches Zuhause für seine Kinder, eine kostbare location für herrliche dinner-parties mit Freunden, Kollegen, Bekannten. Und im Unterhalt recht teuer. Wie bei den Melvilles lebte auch hier der schreibende Mann vom Vermögen der Frau, obwohl sich Twains Bücher und Reportagen vergleichsweise gut verkauften. Ein weltreisender Humorist, dessen Stil begeistert hat. Aber auch hier wird das Haus zum tragischen Ort, zwei seiner Kinder sterben dort und Twain, eigentlich Samuel Clemens, kehrt mit seiner Frau nach einer langen Europareise nicht dorthin zurück.

Ich entschließe mich, nicht zu bleiben, sondern nehme einen Tag vorzeitig den Bus nach Manhattan. Dreieinhalb Stunden schiebt er sich über die Autobahn, es regnet bald in Strömen. Die Metro bringt mich zum Hostel, Central Park West, und ich verbringe den angebrochenen feucht-warmen Abend im Kino: erst den neuen Woody Allen Film, der nette Momente hat aber vom Bau her weder richtig anfängt noch überhaupt aufhört – und hinterher noch Howl, ein Film, der sich nicht entschieden kann, ob es nun um den schwulen Ginsberg geht oder um eine künstlerische Doku-Umsetzung seiner bio oder um einen Kampf gegen die Zensur; und dann ist der erste Großstadt- und Kulturhunger nach 10 langen Tagen auf dem Land gestillt. Ich komme hier gar nicht zum Schreiben, weil ich den ganzen Tag nur unterwegs bin 🙂

Woodstock, Bücherwurm und Unflat

PITTSFIELD, Massachusetts

25. September 2010

Ich weiß nicht, über wie viele schöne Straßen ich noch schreiben soll, irgendwann werden die Adjektive knapp. Die Aussichten sind nicht so dramatisch wie im Westen des Landes. Auf dem Weg von Hanover, New Hampshire nach Pittsfield, Massachusetts, folge ich der Route 4 Richtung Westen südlich an den Green Mountains vorbei weit nach Vermont hinein, dann Route 7 Richtung Süden an den Ufern des Otego Creek entlang sanfter Höhenzüge des Green Mountain National Forest. Die New York Times vermerkt auf ihrer Wetterseite in der Rubrik „Northeast Foliage“, dass meien Route noch „grün“ ist, bestenfalls „some colour“ aber noch nicht „vor dem Höhepunkt“ ist. Doch viele Bäume zeigen bereits alle Variationen von gelben, braunen, roten und rostfarbenen Schattierungen, die Dörfer scheinen wie Kulissen aus einem zeitlosen Heimatmusical.

Immer wieder auch kleine Orte, die wie Oasen wirken. Etwa Woodstock, Vermont. Auf einer Straße gleich zwei Buchläden, einer davon der Yankee Bookshop, die älteste unabhängig betriebene Buchhandlung von Vermont. In einem Café gegenüber sitzen junge Menschen und Seniors und genießen fair trade coffee. Im Fenster liegt eine Ausgabe des Independent Vermonter. Vor den Kongresswahlen werben darin Kandidaten für sich, die ihren Bundesstaat Vermont vom „Empire“, von den USA, lösen möchten, die als Ausweg aus der Krise die Sezession von den USA sehen.

Am Ortsrand von Pittsfield liegt auf einem herrlichen Farmgelände das Gebäude, in dem Herman Melville sein Buch Moby Dick geschrieben hat. Es basiert auf Erfahrungen, die Melville selbst gemacht hat. Die Wirtschaftskrise 1837 zwang ihn in immer neue prekäre Arbeitsverhältnisse, wie man heute formulieren würde. Schließlich ging Melville auf See, heuerte auf einem Walfänger an, desertierte in der Südsee auf einer Insel, geriet unter Kannibalen, entkam, trat der Navy bei und segelte zurück nach Boston. Dort heiratete er seine reiche Frau, die ihn liebte. Er schrieb, blieb erfolglos, kaufte die Farm bei Pittsfield auf Pump und traf dort auf die Autoren-Legende Nathaniel Hawthorne. Hawthorne war Melvilles Mentor, gab ihm entscheidende Anstöße. Doch der Ruhm, der ihm nach seinem Tod zuteil wurde, fehlte ihm und seinem Geldbeutel zu Lebzeiten. Er starb arm und unglücklich – seine Frau hielt sein Lebenswerk trotzdem hoch.

Melville gehört damit zu einer Gruppe von Schriftstellern, die aus den großen Städten kommend in den ländlichen Gebieten von Neu-England kreative Rückzugsflächen gefunden haben. Darunter Edith Wharton, die einige Kilometer entfernt in Lenox arbeitete. Heute – wie damals – sind Lenox und Stockbridge die Rückzugsgebiete der reichen Ostküsten haute voleé, die Örtchen atmen aus jeder Ritze vor allem Geld – und etwas weniger Geist. Lenox ist übrigens der einzige Ort, an dem ich vor einem Café saß und der Nachbar links mehrmals laut und lange furzte und der Nachbar rechts einen Stuhl von meinem Tisch nahm, ohne wenigstens kurz zu fragen. Das sind Unflätigkeiten, die einem in Amerika sonst nicht begegnen. Berühmt sind die Orte vor allem wegen des Tanglewood Festivals im Sommer, das ich leider um weniger Wochen verpasst habe.

Immerhin macht mich ein Buchhändler auf den ehemaligen Landsitz der Autorin Edith Wharton aufmerksam. Ich hatte noch nicht von ihr gehört, aber anscheinend war sie zur Zeit von Henry James die erfolgreichere – und reichere der beiden. Zum einen hatte sie den richtigen Hintergrund, zum anderen verkaufte sie mehr Bücher. Beides zusammen ermöglichte ihr ein Anwesen in den Berkshires, das man getrost als mediterranes Schlösschen bezeichnen darf. Während andere Bauherren im gilded age mit riesigen Treppenhäusern und dunkeln Holzvertäfelungen arbeiteten, entstand unter ihrer Leitung ein lichtes, helles, zunächst sehr zurückhaltend wirkendes Haus, das erst in der ersten Etage seinen Reichtum zeigt. 15 Monate dauerte der Bau (unglaublich schnell), zehn Jahre lang lebte sie dann hier, mit ihrem depressiven Ehemann. Danach hielt die es nicht mehr aus und machte sich von dannen. Europa und die Großstadt waren spannender, ein Motiv, das immer wiederkehrt bei den Schriftstellern, die draußen in Neuengland gearbeitet haben. Europäisch ist auch der Garten angelegt, deshalb riecht es in den Buchenwäldern von Massachuseets auch nach Buchsbaum, wie am Mittelmeer.

Finally: Indian Summer & Frost

Two roads diverged in a wood, and I –

I took the one less traveled by,

And that has made all the difference.

– Robert Frost

Über den Hügeln von New Hampshire sind einige der schönsten Gedichte Amerikas entstanden. Das Land von Robert Frost. Leuchtende Ahornbäume. Zurückgezogen und weltvergessen. Perfekt für eine Reise im Herbst.

WHITE MOUNTAINS NATIONAL FOREST, New Hampshire

24. September 2010

Strecke 112 durch den White Mountain National Forest. Laubwälder in allen Farben bedeckten die Hänge. Die Wolken hingen tief in den Bergen und trotzdem war es ein Spektakel. Hier eine covered bridge, wie man sie an vielen Orten an der Ostküste sehen kann: Handwerker haben die Brücken mit Dächern ausgestattet, damit sie vom Wetter nicht so stark mitgenommen werden. Dort ein Wasserfall, immer wieder Abfahrten mit einer kleinen Besonderheit. Jeder Parkplatz ist voll mit Besuchern, einige steigen aus, um ein Foto zu machen und lassen den Motor dabei laufen. Es hat nicht viel mit Natur zu tun und auch nicht mit Naturtourismus, aber am Ende hat jeder sein buntes Foto.

Eine kleine Wanderung führt abseits der Ströme, in dichten Wald, schließlich auf ein Plateau, mit etwas trüber Aussicht. Es sind schließlich die kleinen Straßen südlich von Franconia die weg von allem Trubel und durch das bunte Laub ins Herz Neu-Englands führen.

An der Ridge Street finde ich das absurd übersichtliche Robert Frost Museum: in dem Haus, in dem der Dichter jahrelang lebte und in er im immer wieder zurückkehrte, bis er dazu zu traurig war, weil er über die Zeit seine ganze Familie verloren hatte. Zurück blieben die kleine Farm, in der nun jedes Jahr ein Stipendiat den Sommer verbringt; ein Heuschober, in dem eine etwas verhuschte Dame eine Art Informationszentrum organisiert – und ein kleiner Pfad durch den Garten, den Holztafeln mit seinen Gedichten säumen. Ein verträumter und verlassener Ort mit fantastischer Aussicht, an dem die Zeit wirklich stehen geblieben zu sein scheint.

The woods are lovely, dark and deep.

But I have promises to keep.

And miles to go before I sleep.

And miles to go before I sleep.

– Robert Frost

Auf der Fahrt nach Süden, Route 10, reiht sich schließlich ein herziges Dorf ans andere. In Bath kaufe ich in Americas Oldest General Store hauseigene Himbeer-Soda. Verdammt süß. Etwas weiter südlich Dörfer mit weißen Holzhäusern vor buntem Laub, Veranda, weißer Zaun, so idyllisch wie aus einem Disneyfilm.

Die Reise endet an diesem Tag in Hanover, Collegestädtchen auf der Grenze zu Vermont. Dartmouth College gehört zur Ivy League, recht konservativ. Überall wohl situierte Collegeboys&girls, Sportlook. Freitag Abend, der Campus und die kleine Hauptstraße sind buzzing mit Studenten – ihren Eltern. Es scheint Besuchstag zu sein. Morgen finden Sportveranstaltungen statt. Im Hanover Inn direkt vor dem College versammeln sich die top drei Familien an großen Tischen zum Speisen. Die anderen verstopfen die drei übrigen Pubs im Ort. Ansonsten bleiben noch ein fettiges Pizzairgendwas und eine Tacobar. Die Studenten strahlen großes Selbstbewusstsein aus. Ich nehme eine winzige Absteige am Stadtrand, Sunset Inn genannt, direkt neben einem Wasserkraftwerk am Fluss. Morgen geht es weiter nach Süden: Zum Geburtsort von Moby Dick.

Knallrote Blätter – hie und da

BETHEL, Maine

23. September 2010

Es dauert geschlagene fünfeinhalb Stunden, um von der dicht besiedelten Küste des Bundesstaates Maine durch ziemlich viel unbewohnten Wald nach Bethel zu gelangen, sozusagen der einsame Grenzposten zum Wald von New Hampshire. Noch erstaunlicher ist, dass sich abseits der Kettenbetriebe eine Kaffee-Kultur durchgesetzt hat. Selbst in diesem winzigen Ort, an dem ich keinen Telefonempfang habe, findet sich das organic coffee house Di Cocoa, mit echter Espressomaschine und hausgemachten leckeren gesunden Schmakazien.

Das ist vor allem erstaunlich, weil dies in der Landeshauptstadt Augusta nicht zu finden war. 18.600 Einwohner. Die Innenstadt besteht aus genau einer Straße. Der Lonely Planet findet immerhin Themen für eine Seite. Mittags gibt es die Auswahl zwischen Vickerey’s Café oder der Armenspeisung. Viele Geschäftsräume stehen leer. Am Stadtausgang hingegen floriert ein Strip mit nationwide food chains.

Dann werden die Dörfer richtig klein, nur noch ein paar Häuser, meist eine Tankstelle. Drinnen riecht es nach lange nichts verändert. Die Eingeborenen kaufen einen Snack und mustern mich skeptisch. Man tankt noch ohne Vorkasse, wie früher.

Und dann fahre ich über winzige Landstraßen, die mit grell gefärbten Bäumen gesäumt sind. Schwer zu beschreiben, wie die Leuchtkraft dieser grellen rot und gelb Töne wirkt. Und vor allem schwer zu fotografieren, es gelingt mir nämlich nicht. Auch nicht, als die Straße an den Presidential Mountains vorbei durch den White Mountain National Park Richtung Süden führt.

America’s earliest sunrise!

Diese Sonnenstrahlen wecken die USA. Good Morning, America!

MT. CADILLAC, Maine

22. September 2010

Heute früh um 6:19, beobachtet vom Cadillac Mountain. Hier geht die Sonne in den USA als erstes auf, von hier aus zieht der Morgen über das Land bis die Sonne, einige Stunden später, auch über Seattle und Los Angeles aufgeht.

ACADIA NATIONAL PARK, Maine

22. September 2010

Dieser Sonnenaufgang war ein echtes Opfer, aber nach dem schläfrigen Tag gestern musste ich ja etwas Sensationelles präsentieren. Das ist schließlich kein Urlaub hier.

Vom Hügel runter und als erstes zum Strand, eine kleinen Bucht, noch menschenleer. Hinter mir die Dünen und Mt. Cadillac, vor mir das offene Meer, der Klang der Wellen gegen rotbraune Felsen, darüber friedlich der Wald. Das alles lag zehntausende Jahre genauso hier: unberührt und ohne, dass Menschen auftauchten, die die Natur vermüllten und Lärm machten.

Der Touristenmagnet ist das Örtchen Bar Harbor, in das einen jeder Reiseführer schickt. Ich hatte das Glück, dass um 8 Uhr früh fast noch niemand auf den Straßen war. Nur unten am Dock hatte schon ein Cafe geöffnet – endlich Frühstück: ofenwarme Blueberrymuffins und dünner Kaffee. Yeah 🙂 Einige Autominuten entfernt schließlich der Parkplatz am Precipice Trail zu einem kleinen Abenteuer, dass mir Kevin in der wine bar von Portland empfohlen hatte: eine Klettertour; die sei nichts für Menschen mit Höhenangst. Da hätten sogar Grand-Canyon-Erprobte Respekt vor. – Nun ist es so, dass mir schon aufgefallen war, dass sich hier erstaunlich wenig Menschen unterhalb der optischen 40 bewegen. Entweder interessieren sich nur Rentner für diese Gegend, oder es haben nur Rentner Zeit oder Geld zum Reisen, oder es gibt hier nur noch Rentner, wahrscheinlich eine Mischung aus allem. Unter anderem aus diesem Grund, und weil mich der Park bis dahin nicht wirklich umgehauen hatte, nahm ich die Warnung nicht so richtig ernst. Vielleicht zu unrecht.

Die folgende Beschreibung ist jedenfalls ein schauerlich prosaisches Gedanken-Protokoll, und erhebt dazu noch eine zugegebenermaßen anstrengende Kletterpartie von einer Dauer von exakt 70 Minuten zu einem mittelmäßigen Initiationsprogramm.

„Dieser Weg ist etwas für Menschen, die ihren überbordenden Ehrgeiz nur noch an alpinen Wänden abzuarbeiten in der Lage sind,“ dachte ich nach etwa 300 Metern, nachdem ich einen außer Atem geratenen Spanier abgehängt hatte. 50 Meter später hing ich selber hechelnd in der Wand. „Ich hatte schon geahnt, was mir da blüht, und alles Accessoires am Boden gelassen. Es geht streng aufwärts. Ohne Pause. Bestenfalls mit Treppen, meist über Geröll und Leitern. Ich klebe an der nackten Wand – und wenn ich nackig sage, meine ich nackig, und es riecht nach warmem Granit, welkem Laub, oxidiertem Eisen und nach Schweiß. Da ist noch ein Mann in Dir, denke ich, gieße mir Wasser in den Nacken, da ist noch ein echter Mann. Schließlich, nach einer Stunde, Gipfel in Sicht. Noch zehn Minuten, rascheln mir Ahornsträucher zu, und die Kiefern bürsten tröstend durchs Haar.“

Oh well. Whatever *g*

Die Wahrheit ist natürlich, dass ich einfach zuviel im Büro gesessen und zuwenig den Hintern bewegt habe. Das hat sich dann heute geändert. Belohnt von einer wirklich grandiosen Aussicht 🙂

Danach wieder zurück zum Auto. Flucht aus dem Park, der völlig übervölkert ist. Im Sommer muss es unerträglich sein. Morgen früh geht es nach Westen, Richtung New Hampshire, in der Hoffnung, dass es nicht mehr so grün ist an den Bäumen. Indian Summer, ich komme, jetzt komm Du auch.

Giving a Bagel to George

SEAWALL, Maine

21. September 2010

Je weiter nördlich die Strecke führt, desto schöner wird sie. Ein bisschen wilder, ein bisschen rauer, ein bisschen weniger besiedelt. Man muss jede Hauptstraße vermeiden, immer die Nebenrouten nehmen, dann kommen langsam die Bilderbuchansichten, die man aus Reiseführern kennt.

Ziel ist Acadia National Park, einer der meistbesuchten des Landes. Ich befahre die erste der beiden Halbinseln und bin etwas enttäuscht. Da habe ich schon spektakulärere Natur gesehen. Schließlich bin ich froh, dass ich mich in einem einsam gelegenen Motel ganz an der südlichen Spitze eingemietet habe, dem Seawall Inn, mit Blick direkt auf den Atlantik, der wenige Meter entfernt auf eine steinige Küste aufschlägt.

Meistens kommt man dem Meer nicht zunahe, weil fast der gesamte Küstenstreifen privat bebaut ist. Das Motel ist die Ausnahme. Gleich nebenan drängeln sich Touristen um den etwas lächerlichen Leuchtturm von Bass Harbour – überhaupt sind die meisten Sehenswürdigkeiten unmittelbar mit dem Auto erreichbar, so dass auch unförmige Menschen in ihrem Kulturbedürfnis nicht diskriminiert werden. Ich bin nach kürzester Zeit wahnsinnig müde von der salzigen Luft und dem Rhythmus der Wellen.

Der Motelbesitzer lässt mich noch seine Möwe George füttern, die nach wenigen Minuten Zutrauen fasst und aus meiner Hand einen Bagel knabbert. Und dann geht’s schon ins Bett, denn morgen klingelt um 5 der Wecker, damit ich was zum Angeben habe.