Der letzte Abend in Vancouver

Vancouver im Herbst

15. Oktober 2010. Es war ein sonniger Tag. Am Abend bieten der Dirigent Bramwell Tovey, der Pianist Marc-André Hamelin und das Vancouver Symphony Orchestra öffentlich Schubert und Mozart.

Es war schon nach der Dämmerung, als der Pianist den Dirigenten langsam und nicht ohne subtile Freude auf offener Bühne erdolchte.

Man hätte es ahnen können. Wie war es möglich gewesen, Schuberts achte Sinfonie mit Langeweile zu ersticken? Der Komponist war 25 Jahre alt, in Hochform, tragische Figur der Romantik, und seine Unvollendete strotzt vor tollen Ideen. Im zweiten und finalen Satz zersetzten sich die Ideen auf unerklärliche Weise, Bramwell Tovey schien Haydn zu dirigieren, obwohl Schubert auf dem Pult lag und irgendwann hatte man sich in Langweile verloren – selbst die Musiker hörten nicht mehr hin, anders sind die Misstöne und Verstimmungen vor allem gegen Ende nicht zu erklären.

Dann Auftritt Marc-André Hamelin. Ein Virtuose aus Montréal. Seine Fingerfertigkeit fast einzigartig.

Er stratzt vor Bramwell auf die Bühne, setzt sich ungelenk auf seinen Hocker und wartet ab, was Bramwell, wir nennen ihn von jetzt an lieber Brambad, was Brambad also mit dem Mozart macht. Er dirigiert ihn zunächst mal wie Schubert. Zähflüssig beginnt das Klavierkonzert Nr 24. Nun ist das Geheimnis von Mozart relativ einfach. Er verlangt Präzision und Leichtigkeit, Witz und Philosophie zugleich. Das macht es nicht leicht. Hamelin muss leiden unter dem, was er da neben sich als Einleitung hört. Als sich im Brei eine Pause ergibt, sondiert er mit seinen ersten Einsätzen die Zielscheibe auf dem Rücken des Dirigenten. Mit introvertierter Eleganz, still und delikat spielt er seinen Mozart und damit ist das Gefecht auf der Bühne eröffnet. Das hin und her bringt zumindest erstmal Spannung in den Abend. Bradbad hat sich inzwischen ein paar Löffel Hollandaise von meinem Frühstücksei geklaut und gießt immer wieder nach, davon kann Mozart seiner Meinung nach gar nicht genug abbekommen. Hamelin stichelt leise dagegen und holt dann, wie ein Fechtmeister, in der Kadenz zum Vorentscheid aus.

Dazu muss man wissen, dass Hamelin ein Spezialist für Chopin ist, und zudem für die moderne, hypervirtuose Bearbeitung der ohnehin schwierigen Chopin Etuden durch einen polnischen Komponisten der Jahrhundertwende. Er kennt sich also aus mit allem, was man braucht, um als Virtuose Eindruck zu schinden.

Die Kadenz gleitet völlig überraschend von Mozart zu Chopin ab, und von dort aus nach Polen ins beginnende 20. Jahrhundert, und schließlich ein bisschen Richtung Jazz. Die Geiger wenden halb entgeistert, halb ungläubig die Hälse. Das Publikum raschelt erstaunt im Programmheft, weil es sich nicht mehr sicher war, ob es zu Beginn wirklich was von Mozart gelesen hatte. Hamelin hört gar nicht mehr auf. Brambad findet dennoch den Einsatz und hält mit Hollandaise dagegen, aber er ist besiegt. Natürlich hat Chopin in einer Mozart Kadenz wenig zu suchen. Doch das subversive Moment, mit dem der grazile Hamelin den Engländer Brambad mit einer völlig freien Interpretation des Konzerts zu Mozart zurückzwang, war ein Höhepunkt. Der zweite Satz ging an Hamelin, weil das Klavier hier das Sagen hat. Der dritte Satz ebenso, die Holzbläser halfen ihm dabei. Im vierten war Brambad trotz aller Versuche nach einer zweiten Kadenz von Hamelin endgültig am Boden.

Nach der Pause folgte Mozarts 39. Sinfonie, ähnlich faul dirigiert wie der ganze Rest – nur im letzten Satz wurde Brambad wieder überlistet. Diesmal von Mozart selbst, der den Satz so schrieb, dass man ihn gar nicht verderben kann: Weil die Musiker einfach zu viel Spaß an ihm haben.

Am Ende freundlicher Applaus für einen sonderbaren Konzertabend in einer der schönsten Tonhallen Nordamerikas: dem harmonischen Chan Center for Performing Arts.

A sunny day out

SUNSHINE COAST, British Columbia

13. Oktober 2010


Natürlich ist in Vancouver längst die Regenzeit angebrochen und ich bin mit meinem knallroten, für 7 Euro auch viel zu teuren (aber dafür am Ku’damm erstandenen)  „Berliner“-Knirps auch schlecht ausgerüstet: Der Profi wird einfach nass oder verhüllt sich unter einer Regenplane. Doch heute war ein außergewöhnlich sonniger Tag und deshalb bin ich für meinen Frühstückskaffee mit einer Gondel auf einen Berg gefahren, mit Blick über die Stadt.

 

Coffee at Grouse Mountain

 

Das war leider ein sehr teures Frühstück, weil ich ein Auto gemietet habe und dann noch 50 Dollar für den Berg bezahlt habe. Außerdem hat mich das schlechte Gewissen geplagt, denn genau unterhalb des Decks, auf dem ich mit Fernblick den Kaffee schlürfte, stapften mit hochroten Köpfen diejenigen schweißnass aus den Büschen, die den Berg zu Fuß erklommen hatten. Nicht nur das: sie kamen dann auf die Kaffeeterrasse und machten ihre Dehnübungen neben mir.

 

Auf der Fähre zur...

 

 

...Sunshine Coast.

 

Also Flucht ins Auto und Fahrt nach Norden Richtung Sunshine Coast. Wunderbare kurze Fährfahrt nach Langdale und dann auf der 101 North in das winzige Dorf Robson Creek. Ein kleiner Pier führt in die Straight of Georgia, von dort Blick auf die wolkenverhangenen Berge von Vancouver Island, und eine Gruppe Otter guckt beim Mittagessen zu.

 

prime lunch - don't ya think?🙂

 

 

Straight of Georgia

 

Ich fahre noch bis Pender und dann wieder zurück.

 

still

 

Auf dem Rückweg entdecke ich am Straßenrand einen lilafarbenen Bulli, ein mobiles Bistro, direkt zwischen Fahrbahn und Strand. Es gibt frische Austern, direkt aus dem Meer neben mir und das ist wirklich toll.

 

 

Stanley Park

Zurück in Vancouver erlebe ich noch einen Sonnenuntergang vom Stanley Park aus und dann führt mich ein Zufall an ein College, von dem ich noch nie gehört habe. Dort im Keller führen Studenten das Musical In The Park auf – dessen Handlung eigentlich nicht so wichtig ist (der Stadtpark, in dem ich grade noch fotografiert habe, soll zu einem Parkplatz werden – die Parkplatzmafia ist in der Tat ruchlos in der Stadt – doch eine Aktivistenliebe und ein Bündel schriller Hühner wissen dies zu verhindern). Ich wurde jedenfalls besser unterhalten als am Broadway und das haben wir dann noch gefeiert: in der wie ich finde most outdated bar in town, der Bayside Lounge. Eingerichtet in den späten 80ern, der DJ spielt schönsten 90er House, es gibt billige wässrige Highballs und dafür einen Blick aus dem Fenster auf die Containerschiffe, die vor der Skyline auf Rede liegen. Ein herrlicher Tag geht zuende – und morgen soll es regnen.

Thanksgiving

VICTORIA, British Columbia

10. Oktober 2010

Kein guter Tag für Truthähne. Selbst wenn sie aus Soja sind. Kanadische Familien feiern das Erntedankfest im Oktober – amerikanische Familien Ende November. Freitag und Samstag sind alle unterwegs zu Eltern und Großeltern, und Montag eilen alle zurück Richtung Alltag. Ich saß an einem großen Tisch mit einem 25Pfund-Vogel und unglaublich vielen selbstgemachten side dishes, ein echtes Fest, und danach konnte ich mich leider nicht mehr bewegen🙂 Deshalb keine langen Worte, nur Fotos von der wie immer schönen Vancouver Island. So long🙂

Off to Vancouver Island

On board BC Ferries

Gulf Islands

Looking towards Olympic Mountains, Washington State

Nachtrag: New York 2 – State of the Art.

NEW YORK CITY, New York

State of the art.

 

Whitney Museum of American Art

 

 

Daumen drehen, Hüfte nach hinten, Arme schlenkern, Daumen drehen, Arme schlenkern, Hüfte nach hinten, Daumen drehen. Usw. Was aussieht, wie einfachste Übungen wird Tanz, weil es immer länger dauert, weil es immer schwieriger zu erinnern wird, in welcher Reihenfolge die wenigen Bewegungen passieren werden. 1971 hat Trisha Brown diese Performance im Whitney Museum installiert – und heute wird sie wieder aufgeführt. Körper, die plötzlich an der Wand entlanggehen. Überall knipsen und filmen iPhones, es wirkt ein bisschen outdated, ein bisschen zufällig, vor allem zufällig – an einem Mittwoch Mittag um 14 Uhr in einem der wichtigsten Häuser für moderne amerikanische Kunst in den USA. Aber warum sollten auch alle hier sein, wenn sie auch in den hunderten Galerien sein könnten oder den großen anderen Museen Schlange stehen.

 

Chealsea & Meatpacker

 

Natürlich schwärmen sie auch hier von Berlin. Dem bezahlbar-Mekka junger, vielleicht auch aufstrebender Künstler, noch dazu in Europa, noch dazu the coolest place. Wo die Dichte an Berufsjugendlichen vielleicht so hoch ist wie sonst nirgends. Und wo die Auguststraßenflaneure und Rosenthalerplatzsurfer selbstverständlich ausstrahlen, Berlin sei Kunstmäßig einfach der Mittelpunkt der Welt. Allein ein Nachmittag in Chelsea beweist, dass dies nicht ganz stimmt.

Wie schon so oft zuvor schauen Amerikaner über ihre eigenen Talente hinweg nach Europa, und den Europäern gefällt das, weil sie dann das Gefühl haben, so unwichtig doch nicht zu sein. Es reicht schon eine Woche Kunst gucken in New York, um ein bisschen demütig zurück zu reisen und sich beim nächsten Besuch der Auguststraße daran zu erinnern, wie viele Auguststraßen eigentlich in Chelsea allein in einem der gallery warehouses versammelt sind oder wie viel Kunstwerke im PS1 oder dem New Museum stecken.

 

End of High Line

 

Am nördlichen Ende der Highline beginnt das Galerienviertel von Chelsea. In alten Warenlagern und Fabrikgebäuden sind Ausstellungsflächen untergebracht, florieren Geschäfte, die sich mit „Bedrucktem“ befassen, mit der Faszination von Stil und Ästhetik und Skandal auf Papier. Die Touristen studieren weiße Faltblätter, auf denen die wichtigsten Adressen notiert sind. Die Kunstwelt trägt Bart, Karottenhosen, Indie-Shirts und Tragetaschen und ich grinse hämisch, denn das wirkt alles ein bisschen O-Straße in all seiner spießigen ich-bin-anders-und-indie-attitude.

 

Candida Höfer

 

Vieles in Chelsea ist laut und schreit „kauf mich, ich bin doch Kunst.“ Aber das ist es woanders auch. Die Überraschungen finden sich in weniger auffälligen Orten. Zufällig gehe ich in die mit matten Fenstern uneinsehbare Galerie Sonnabend und stehe plötzlich vor den Fotografien einer Candida Höfer.  Davor Fotografien von Andrea Robbins und Max Becher, die den Cowboy Mythos um eine Farbe erweitern: in einer Serie über Black Cowboys, die mit einer fast gemeinen Selbstverständlichkeit unsere Sehgewohnheiten von race brechen.

 

Black Cowboys

 

Einige Häuser weiter erkenne ich Ost-Berliner Plattenbauten, immer wieder gebrochen und neu in Serie gebracht und zwar so, dass man gar nicht wegsehen kann. Eine Arbeit von Steve Sabella, lebt in London und Berlin, Jahrgang 1975, Themen: Exil und Identität im nahen Osten.

 

Steve Sabella - Exile (2008)

 

Ein Haus weiter: Alex Gross. Wie Werbeplakate unserer hochvernetzten Hippsterwelt, zuweilen surreal, reflektiert es die naive Weltsicht derjenigen, die die Welt durch das Display ihrer Handies sehen: als Animation, in der Symbole durcheinandergewürfelt werden, bis der barocke Totenkopf neben der Werbemarke zu Fall kommt und alles entweder grotesk an Bedeutung verliert – oder eben auch gewinnt.

 

Alex Gross - Dark Side

 

Das Gegenteil der hochpreisigen und zum Teil auch first rate galeries findet sich im East Village. Hier sind sie dermaßen Indie, dass es mir gehörig auf die Nerven geht. Sie sprechen deutsch, französisch, spanisch und englisch, sie sind auf alternative Art maingestreamt, und auf eine seltsame Art international gleichförmig. Derselbe Hippsterkrams also wie daheim und das ist doch hie wie da etwas lächerlich, denn es offenbart mehr Pose als Leidenschaft. In einer kleinen Galerie hängen Portraits von jungen Männern die genauso aussehen, wie diejenigen, die vor der Galerie auf der Chrystie Street auf und ab laufen, und die Portraits offenbaren unfreiwillig die Leere dieser Mode.

 

New Museum

 

Die Ausnahme macht das New Museum. Architketonisch ein Solitär im runtergekommenen Bowery-Viertel, grade Mittelpunkt des etwas überschätzten Bestsellers „Cash“ von Richard Price. Im Foyer eine Art Klagemauer, in der Tausende Fäden mit Wünschen aus der Wand hängen (etwas naiv die ganze Chose, aber egal, der gute Wille zählt) – und im Austausch nimmt man ein Bändchen mit nachhause und hinterlässt stattdessen einen eigenen Wunschzettel. Jeder kann an diesem Kunstwerk teilhaben, es mitnehmen, sich erinnern und etwas sehr persönliches beisteuern. Schade deshalb, dass die vorgedruckten Wünsche etwas flach und aus der politischen Konserve eines Hippie-Workshops zu stammen scheinen.

Die vierte Etage erstaunt mit einer Ausstellung über Brion Gysin, vor allem dessen Zusammenarbeit mit William S. Borroughs (dessen klasse Buch And The Hippos Were Boiled In Their Tanks grade neu erschienen ist – und als Kollaboration mit Jack Kerouac den Anfang der ganzen Beat Szene bildet).

Der käufliche Kontrast zu Chelsea und East Village und Lower Eastside ist schließlich auf der 11. Etage eines Hochhauses in Midtown zusammengewürfelt: auf der Affordable Art Fair bieten Galerien Kunst bis 10.000 Dollar zum Expresskauf an. Man sieht einige Bekannte aus Chelsea wieder, an denen man schon mal gelangweilt vorbeimarschiert ist – man geht also etwas ratlos durch die Reihen und dann mit leeren Händen nachhause, weil einen die Mühe scheut, etwas mittelmäßiges einpacken und verschicken zu lassen.

 

@ Whitney Cafe

 

Ein bisschen enttäuscht bin ich schließlich von einer Ausstellung im Whitney Museum of American Art, eigentlich einer meiner Lieblingsorte in der Stadt. Ich sehe einen Querschnitt aus den Biennialen für amerikanische Kunst: eine schöne Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts, aber irgendwie auch sehr akademisch und damit etwas blutleer. So wie die Einzelshow von Sara Vanderbeek, mitte 30, die mit abstrakter Fotografie Walt Whitman’s Leaves of Gras neu zu interpretieren versucht. Immer wieder begegnen mir auf dieser Reise im Film, in Büchern, in Ausstellungen Rückgriffe auf dieses zentrale amerikanische Gedicht – als wenn Künstler im Moment versuchen, sich auf Amerika einen  Reim zu machen, in dem sie sich amerikanische Ideale von vor 150 Jahren in Erinnerung rufen. Darin steckt eine Sehnsucht nach dem American Dream, der vielen abhanden gekommen zu sein scheint: in den Folgen einer wirtschaftlichen, einer politischen und seit langem auch einer sozialen Krise. Es ging in den Nachrichten hoch und runter, dass bei einem Townhall Meeting des Präsidenten ein Mann Barack Obama die Frage stellt, ob es diesen American Dream für die Amerikaner noch einmal geben kann.

Nach einem enorm fettigen Frühstück in einem silbern glänzenden Diner unter schäbbigen Bahnschienen in Queens finde ich an der Jackson Avenue das alte Schulgebäude, in dem das umwerfendste Haus für moderne Kunst in New York zu finden ist, der PS1 Ableger des MoMA. Der unfertige Mediziner Klaus Biesenbach, Mitgründer der KW Kunstwerke in Berlin Mitte hat hier ein Haus geformt, das als Pulsmesser dient für das, was Kunst heute sagen kann. Und endlich sehe ich nicht nur Auseinandersetzungen mit Form, Material, Geschichte und Sehgewohnheiten, sondern auch mit politischen, sozialen und ökologischen Problemen, denen wir gegenüberstehen.

 

Mariah Robertson PS1

 

Greater New York heißt die Ausstellung, die noch wenige Tage vor sich hat, und 68 Künstler zeigt, die in New York leben und arbeiten. Auf jedem Zentimeter wird die Vitalität dieser Stadt sichtbar, die Reflektion der Künstler von Konflikten weltweit, eine Mini-Dokumenta kann man sagen. Die Ausstellung lässt einen ein wenig demütig zurück und gleichzeitig mit viel Energie und der Neugierde darauf, wie es wäre, ein solches Projekt zuhause zu verwirklichen.

Nachtrag: New York 1

NEW YORK  CITY, New York

27. September 2010

Time is money.

 

Central Park West

 

Es sind immer alle in Eile.

Bin gut in New York angekommen, mit dem Bus aus Connecticut geflohen…

…in der Penn Station ausgespuckt, mit der U-Bahn ins Hostel Upper West Side. Nach zehn Tagen auf dem Land bin ich ganz ausgehungert nach Großstadt. Ich trete auf die Straße und sofort ist alles toll und inspirierend. Man will sofort etwas schaffen hier, etwas auf die Beine stellen, nur Tourist zu sein reicht eigentlich nicht. Und Rumsitzen ist sträflich.

Das Hostel ist teuer, das Zimmer klein, das private bath ist in Wirklichkeit ein Bad auf dem Flur. Es regnet, im Hinterhof streitet sich ein Paar und ein anderes streitet sich nicht mehr.

Die Straßen sind voll mit Menschen. Alles ist ganz international und interessant und zuweilen schick. Alles hat Tempo und man hat das Gefühl, das jede Sekunde kostet, und dass jede ungenutzte Sekunde überflüssig ist: in der man nicht grade irgendwo hin eilt, in der man nicht grade etwas tut, oder telefoniert, oder ein Taxi heranwinkt, oder ein Ziel vor Augen hat oder Geld verdient. Gegessen wird oft genug im Gehen, die Schritte sind schnell und zielgerichtet.

Die Wege sind lang, also wird jede Minute teuer. Zeit hat hier einen anderen Wert, man sitzt nicht in einem Café rum, es sei denn man ist Tourist oder man trifft Freunde oder hat ein Meeting oder ist auf dem Weg. Man geht natürlich bei Rot und wartet nicht. Der Verkehr fließt zügig und gleichzeitig wundersam rücksichtsvoll. Die Menschen haben keine Zeit, aber sie sind freundlich, wenn man fragt und für ihre Eile sehr hilfsbereit. Wenn etwas nicht klappt, ist fluchen unprofessionell. Stoisch geht man seine Wege, notfalls eben andere.

Erstaunlich, wie die Stadt funktionieren kann. Jedes Gebäude eine eigene kleine Welt, ein logistischer Kraftakt. Hochhäuser Block an Block, ein Fenstermeer bis zum Horizont. Hinter jeder Tür ein Aufzug, unendliche Etagen, unendliche Büros, unendliche Wohnungen, unendliche Kommunikation, unendlicher Handel, unendlicher Aufwand.

Man hat ständig das Gefühl etwas zu verpassen. Jede Minute im Hotel ist eine verschenkte Minute. Erschöpfung gilt nicht.

In den Bars spricht man mit fremden Menschen. Während in Berlin die meisten Nachteulen zu cool sind, um sich eine Unterhaltung zu trauen, regiert in New York der small talk. Mit dem ist man ebenso schnell bekannt, wie bei Bedarf verabschiedet. Im freundlichen Geplänkel wahrt jeder sein Gesicht. Denn auch hier läuft man sich auf der Straße wieder über den Weg. Auf der 7. Avenue treffe ich eine Bekannte aus Berlin. Ich habe keine Karte dabei. Das identifiziert mich als Anfänger.

In New York hat man immer eine Karte.

Beautiful West

VERNON, British Columbia

6. Oktober 2010

Nur ein Fotonachtrag zum Eintrag von gestern. Herbstvormittag im Okanagan Valley. Enjoy🙂

Kalamalka Park - klingt griechisch (Kalimera!) und sieht auch nach griechischer Insel aus - ein bisschen wenigstens🙂

Kalamalka Park


Jeder See hat eine andere Farbe.

new shoes😀

Beautiful, eh?

I like. Now off to Vancouver!

 

Schlürfschmatzschleck

VERNON, British Columbia

5. Oktober 2010

Rückenwind aus Osten. Flug 7 der Alaska Airlines überquert den Kontinent in fünf Stunden, eine Stunde schneller als geplant. Wir sind um 19 Uhr gestartet, kommen um kurz vor 10 local time am Pazifik an. In Seattle umsteigen. Doch der Turboprop-Flitzer, der uns noch bis Mitternacht nach Norden bringen soll, ist kaputt. Gestrandet in Terminal C. Eine mexikanische Bar hat 24 Stunden geöffnet: für das Reinigungs- und Sicherheitspersonal. Ich finde eine Bank und etwas Schlaf, um halb fünf  einen Kaffee, um halb sechs dann Abflug. Nach dem ersten Ärger bin ich froh, dass der Pilot einen Flug absagt, wenn ein Instrument nicht funktioniert. Ich bin auch froh, dass ich den Sonnenaufgang erleben kann, über den kanadischen Grenze. Wir fliegen ins Okanagan Valley, die wärmste Gegend im Nordwesten Amerikas. Fruchtplantagen und Weinanbau, die Hügel teils bewaldet, zum größten Teil aber kahl und vertrocknet vom wüstenhaften Sommer. Große Seen reihen sich aneinander, sie schimmern im Morgenlicht, und als die ersten Sonnenstrahlen über die Hügelketten klettern, setzt der Propellerflieger in Kelowna auf.

Im winzigen Gepäckraum ein Wandbild in sepia: eine Wohnküche mit Fotos von Einwanderern. „Kelowna salutes the role of newcomers in the development of thze Okanagan Valley“ steht darüber. Das ist Einwanderungspolitik auf kanadisch, denn wer einwandern darf oder nicht bestimmt ein Punktesystem, in dem vor allem berufliche Qualifikation eine Rolle spielt. Neben der Passkontrolle zeigt ein Foto das Staatsoberhaupt: die englische Königin neben kanadischer Flagge. Die Stimmung ist entspannt und herzlich, die Einreise dauert keine 60 Sekunden.

 

Singing a Thanksgiving Cheerio

 

6. Oktober 2010

Warm hier. Sehr warm hier. Eine der heißesten Gegenden Kanadas, ein fast steppenhafttes Tal um den riesigen Okanagan See. Weinreben ziehen sich die Hügel entlang und Obstplantagen. In Orchards verkaufen die Farmer alle möglichen Produkte aus eigener Herstellung und das Motto „Produkte aus höchstens 100 Kilometer Entfernung“ ist hier Ehrensache. Auf Davisons Apfelfarm sitzen wir bei Kaffee, frisch gepresstem Apfelsaft und hausgemachtem Apple Pie mit Vanniljeeis mitten in der Plantage unter Apfelbäumen mit fantastischem Blick ins Tal. Besser geht’s kaum.

 

Okanagan Lake

 

 

The Okanagan Pumpkin Orchestra

 

 

Davisons Apple Orchard

 

 

Susan and the Pies

 

Die Winzer bieten auf ihren Weingütern Führungen und Verkostungen und Restaurants an und so ist das hier ein einziges riesiges Schlemmerparadies. Wir besuchen die Gray Monk Estate Winery, in einer Miniburg über dem Okanagan See gelegen. Der Blick über die Weinberge ist ein bisschen wie am Rhein. Die Gründerfamilie Heiss kommt aus Österreich und Deutschland. Sie bauen Pinot, Merlot und Rieslingweine an. Eine Riesling/Gewürztraminer Verschnitt nennen sie „50 Latitude“ – auf dem 50. Breitengrad liegt nicht nur Vernon, sondern auch die Champagne und die Weinanbaugebiete am Rhein. Das Restaurant hat eine wunderbare Terrasse über dem Tal, die Karte zeigt (mit Ausnahme des unübertroffenen B.C. Salmon) Gerichte und Zutaten aus der Region mit den dazugehörigen Weinen und es ist alles sehr fein aufeinander abgestimmt, unsagbar lecker und freundlich und wundervoll.

Wein wie am Rhein

Gray Monk Estate Winery

Ein bisschen wie Sonnenuntergang auf dem Weinberg von Werder

Im Sommer wird es bis zu 40 Grad, im Winter verwandelt sich das Früchteparadies in ein riesiges Skigebiet. Die Schneeschmelze versorgt eine ganze Seenlandschaft mit Wasser, so dass die Orte im Sommer nicht darben. Die größte Kleinstadt hier ist Kelowna – ein Rentnerparadies, denn wer sich im retirement Vancouver und Victoria nicht mehr leisten kann, zieht ins günstigere und bessere Klima ins Okanagan Valley. Mit eigenem internationalen Flughafen und besten Sicherheitsbedingungen, denn hier wurde weltweit der erste Nacktscanner eingesetzt. Ich nehme deshalb morgen nicht den Flieger, sondern den Bus nach Vancouver.